Wenn die Einsamkeit dich einholt

Ich bin losgefahren, die Welt zu entdecken. Alleine. Um etwas nur für mich zu tun. Um mich meinen Ängsten zu stellen und es mit mir selbst besser auszuhalten. Wenn die Einsamkeit zu groß wird, bin ich dann zu schwach? Bin ich gescheitert?

Der Morgen danach

Als ich langsam meine Zelttür öffne ist es bewölkt, die meisten Zelte um mich herum sind bereits abgebaut und mir dröhnt der Kopf. Es nieselt. Nach meiner Morgentoilette lege ich mich zurück in meinen Schlafsack und versuche mich aufzuwärmen. Während ich an meine Zeltdecke starre, steigen mir die Tränen in die Augen. Ich fühle mich kraftlos, müde, aber vor allem einsam. Der letzte Abend hat mich einen Moment entfliehen lassen aus dieser Einsamkeit, doch nun habe ich umso mehr das Gefühl allein zu sein und niemanden zu haben, der mit mir die Ruhe, die endlose Freiheit und die Schönheit der Natur genießt.

Ich reflektiere die letzten Tage: Das Treffen mit Uwe und Anke, die Fahrt entlang der verlassenen Straße von Isafjödur nach Bolungarvik und die Schlammfußball-EM hier auf Island. Ich habe mir einen Traum erfüllt, habe wochenlang darauf hin gefiebert, konnte über nichts anderes Reden, an nichts anderes denken, war euphorisiert. Doch heute liege ich in meinen kleinen mobilen vier Wänden und statt einem Lächeln huschen mir Tränen über die Wange. Es ist kalt und all das was mir lieb ist und was meine Seele und mein Herz wärmt, ist so weit weg. Ich fühle mich gefangen in meinem eigenen Traum.

Der Plan für die nächsten Tage: Noch eine Nacht in Bolungarvik zelten, um morgen so früh wie möglich meine Reise entlang der Nordküste der Westfjorde anzutreten. Ich habe drei Tage für etwa 250 Kilometer, um dann wieder ein Stück mit dem Bus zu fahren. Ich möchte mich mit Daniel treffen, dessen Nummer ich auf Hiddensee von Dirk bekommen habe. Möchte mir Wasserfälle und Vulkane anschauen. Es sind noch 12 Tage bis die Fähre zurück nach Dänemark geht. Noch 12 Tage bis ich Fabian sehe und zumindest für eine kurz Zeit nicht alleine reisen muss. Es sind nur 12 Tage, doch es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

Die Angst vor der Dunkelheit

Die Einsamkeit kommt vor allem in den Abendstunden. Am Morgen bin ich fokussiert darauf mein Zelt zusammen zu packen und mir über Witterung und Strecke Gedanken zu machen. Über den Tag genieße ich das Fahren zum Zielort, bin überwältigt von der Schönheit der Natur um mich herum, entdecke so viel Neues, lerne hin und wieder neue Menschen kennen und atme tief ein, um dieses Abenteuer zu jedem Zeitpunkt in mich aufzusaugen. Gegen späten Nachmittag bin ich gedanklich damit beschäftigt, wo ich am günstigen mein Nachtlager aufschlage, schaue wie viele Kilometer es bis zum nächsten Zeltplatz sind und trete in die Pedale.

Am frühen Abend steht das Zelt meistens und ich kümmere mich darum mein Abendessen vorzubereiten und den Proviant für die nächsten Tage zu planen. Ich telefoniere mit Freunden, mit Familie, schreibe E-Mails und Tagebuch. Das Tagebuch ist ein sehr wichtiger Begleiter, es hilft mir meine Gedanken zu ordnen, den Tag zu reflektieren, mir meine Gefühle bewusster zu machen und mehr über mich selbst zu lernen. Es hilft. Aber es ersetzt nicht das, was mir am meisten fehlt: Jemand der mir gegenüber sitzt, den Tag mit mir erlebt hat, mit dem ich mich austauschen kann.

Gedanken niederzuschreiben ist das eine, sie aus zu sprechen und zu teilen, etwas ganz anderes.

Am Abend verbringe ich viel Zeit damit, mir die Routen immer und immer wieder anzuschauen. Vergleiche die geplante Streckenlänge mit der tatsächlich geschafften Kilometerzahl und ändere gegebenenfalls meine Pläne für die folgenden Tage. Und dann?

Dann sitze ich vorm Zelt, genieße die Abendsonne und lese, erkunde meine Umgebung und stelle dann aber immer wieder fest, dass ich jetzt gerade nicht in meinem Element bin. Ich halte die Ruhe auf Dauer nicht aus.

Warum ich mich nicht einfach mit anderen Reisenden zusammen setze? Auch dies ist eine Möglichkeit, die ich hin und wieder für mich nutze und dann aber immer wieder feststelle, wie sehr es mich im Moment ermüdet immer wieder das Gleiche zu erzählen: Wo kommst du her? Wieso machst du das? Warum alleine? Hast du keine Angst?
Angst habe ich. Allerdings nicht davor zu stürzen, überfallen zu werden oder entführt, was kurioser Weise die Angst der Fragenden wäre. Ich habe Angst vor dem Abend, Angst vor der Einsamkeit.

Ein Lichtblick

Ich liege immer noch in meinem Zelt in Bolungarvik, mittlerweile regnet es mehr und mehr. Ich fasse einen Entschluss: Ich will heute nicht alleine sein!

Ich schreibe Hekla, einer meiner Teamkolleginnen bei der Schlammfußball-EM. Wir haben uns gut verstanden und sie hatte mir bereits gestern angeboten, dass ich mit zu ihr, Steven und ihrer Tochter Soldis kommen kann, wenn ich möchte. Diese Angebot würde ich jetzt gerne annehmen. Sie antwortet schnell und etwa anderthalb Stunden später holt mich Steven samt meinem Fahrrad und Gepäck ab. Mittlerweile regnet es in strömen, es sind gerade mal 5°C und der Wind wird stärker.

Das Wetter wird auch in den nächsten Tagen nicht besser, aus diesem Grund bleibe ich in Isafjördur bei Hekla und ihrer Familie Es tut gut bei ihnen zu sein, denn was bei all dem Reisen in den letzten Wochen zu kurz gekommen ist, sind die einfachen Dinge und einfach mal nichts tun. Ich genieße es eine feste Basis zu haben, zusammen zu kochen, über alltägliche Dinge und mein Leben in Leipzig zu reden. Es ist schön abends auf dem Sofa zu liegen, zusammen einen Film zu schauen und einfach mal nichts zu erleben, nichts Neues zu sehen und niemanden Neues kennenzulernen. Hekla und Steven kennen die Gefühle von Heimweh und Einsamkeit. Sie lernten sich während Hekla’s Fußball-Stipendiums in den USA kennen und leben seit vier Jahren zusammen auf Island, der Heimat von Hekla.

Es geht mir mit jedem Tag besser, auch wenn das Wetter zwischenzeitlich eher schlechter wird. Ich habe wieder Energie, freue mich darauf, mich wieder auf meine „Black Pearl“ zu schwingen und noch ein bisschen mehr von Island zu erkunden. Die Westfjorde werde ich zunächst nur aus dem Bus heraus erleben, aber es steht für mich fest, dass ich wieder kommen möchte!

Es ist Mittwochnachmittag 14.30 Uhr als mein Bus von Isafjördur startet und mich zurück Richtung Route 1 bringt. Der Abschied fällt mir schwer, denn die Drei sind mir sehr ans Herz gewachsen. Doch meine Reise muss weiter gehen und es ist nicht mehr lange bis zu meinem Treffen mit Daniel. Ich freue mich darauf und es gibt mir das Gefühl nicht allein auf dieser Insel zu sein.

Gegen Abend telefoniere ich mit meinem Dad. Wir haben uns länger nicht gehört und der Empfang und die Zeit an der Bushaltestelle lassen endlich ein längeres Telefonat zu. „Wie geht es dir?“, fragt er. „Joa, wird wieder besser.“ „Und wie geht es dir wirklich?“ Da wächst er wieder, der Kloß im Hals und stumm laufen die Tränen über meine Wange.

Eine Entscheidung

Ich stehe innerlich vor einer Wand. Sie blockiert mich. Ich habe das Gefühl seit Wochen durchgearbeitet zu haben. Ich fühle mich ausgebrannt, dabei war es doch meine Auszeit, mein Wunsch, meine Reise für mich. Ich bin an einem Limit angekommen, habe eine Grenze erreicht, die ich so noch nicht kannte. Es fühlt sich an als wäre meine Festplatte voll. Die Erinnerungen an Island sind jetzt zum Teil schon verschwommen, dabei bin ich noch nicht einmal runter von der Insel. Ich kann nicht mehr. Ich muss eine Entscheidung treffen. Für MICH!

Es ist 21.30 Uhr. Ich sitze im inneren eines Tankstellencafés und telefoniere mit Fabian. Wir besprechen die Daten für meinen Rückflug am Sonntag. Meine Gedanken und Gefühle fahren Achterbahn, aber ich bin froh eine Entscheidung getroffen zu haben. „Ich will gerade einfach nur nach Hause! Ich kann nicht mehr!“, sage ich, immer und immer wieder. Zehn Minuten später habe ich die Mail mit den genauen Abflugzeiten. Ich werde trotzdem erst einmal wie geplant zurück nach Akureyrí fahren, um von dort aus mit dem Bus durch die Highlands nach Reykjavík zu fahren. Ich möchte die letzten Tage auf der Insel trotz allem nutzen und mit einem guten Gefühl in den Flieger steigen. Der nächste Bus fährt erst 10.40 Uhr am nächsten Morgen, der nächste Zeltplatz ist ein ganzes Stück entfernt, also warte ich bis das Café schließt im Warmen, um gegen 23.00 Uhr und 7°C mein Nachtlager windgeschützt auf einer Bierbank-Garnitur vor der Raststätte aufzuschlagen.

Ich habe besser geschlafen als erwartet und schäle nach und nach sämtliche Schichten Kleidung von mir. Noch zwei Stunden bis der Bus kommt. Es geht mir gut. Ich habe das Gefühl wieder atmen zu können. Ich habe eine Entscheidung getroffen.

Ein letzter Rückschlag

Als ich am späten Nachmittag Akureyrí erreiche, gehe ich direkt in die Touristen-Information, um mein Ticket für den Highland-Bus zu buchen. Bereits im Vorfeld habe ich mich über die Preise und Modalitäten bezüglich der Fahrrad-Mitnahme dort informiert, aber leider muss ich gleich feststellen, dass nicht alle Mitarbeiter über alle Informationen verfügen und der Preis plötzlich ein ganz anderer ist und meine finanziellen Mittel definitiv übersteigt.

Zehn Minuten später und mit Wut im Bauch und Tränen in den Augen verlasse ich die Informationen und habe bereits einen Service-Mitarbeiter meiner Fluggesellschaft am Telefon. Ich will einfach nur noch Weg von hier, so schnell wie möglich und ohne Umwege. Der nächste Flug ist für mich nicht mehr erreichbar. Doch Freitagnacht ist noch was frei. Also steige ich wieder in den Bus mit dem ich vor 15 Minuten angekommen bin, um nun doch direkt nach Reykjavík zu fahren.

Während ich mein Fahrrad erneut von Gepäck befreie und an der Rückwand des Busses befestige, kann ich nicht aufhören zu weinen. Der Busfahrer versucht mich zu beruhigen, sagt, ich kann mich gerne erst einmal hinsetzen, dann fährt der Bus eben zehn Minuten später. „It doesn’t matter!“ Doch ich will einfach nur noch weg.

Auf der achtstündigen Busfahrt in die Hauptstadt telefoniere ich mit meinem Bruder, höre das immer gleiche Lied in Dauerschleife und stelle mir die immer gleichen Fragen: Geht es dir gut mit der Entscheidung? Kannst du wirklich nicht mehr? Willst du nach Hause?
JA, JA, JA!!!

Über ein Internetportal finde ich kurzfristig eine (für isländische Verhältnisse) günstige Unterkunft nahe dem Zentrum. Ich habe noch 24 Stunden bis mein Flieger geht und es sind noch eins, zwei Dinge zu organisieren. Das größte Problem: Der Transport meiner „Black Pearl“. Bereits während der Busfahrt habe ich sämtliche Fahrradläden in Reykjavík abtelefoniert, um einen passenden Fahrradkarton zu bekommen. Erfolglos. Aber ich versuche positiv zu denken, während mir die Lichter der Großstadt entgegen funkeln. Reykjavík ist so anders und so weit entfernt von dem Island, was ich in den letzten 14 Tagen erlebt habe.

Back to Germany

Ich bin einfach nur froh, als ich Freitagnachmittag 15.00 Uhr endlich am Flughafen bin. Zwar habe ich jetzt noch über zehn Stunden bis mein Fug geht, aber jetzt kann wenigstens nichts mehr schief gehen. Hoffentlich. Der Flughafen von Reykjavík ist ein Paradies für Radfahrer, denn hier gibt es ein sogenanntes Bike-Pit. In dem Glaskasten befinden sich insgesamt drei Werkstatt-Plätze zum einhängen der Räder und allem nötigen Werkzeug zum Auf- und Abbau unserer Lieblinge.

Ich bin gemeinsam mit zwei Polen, ein Vater mit seinem Sohn, die gerade angekommen sind und die nächsten 18 Tage Island erkunden wollen, am werkeln. Wir unterhalten uns, helfen uns gegenseitig und ich gebe ihnen die Tipps weiter, die auch mir die Zeit auf Island erleichtert haben: Wetter-Apps, Tipps und Tricks von Einheimischen und zu guter letzt meine Radkarte. In diesem Moment realisiere ich erst, dass das Abenteuer sich gerade dem Ende nähert und mir wird das Herz ein wenig schwer. Die Karte sieht schwer abgenutzt aus und ist übersät mit persönlichen Notizen, aber sie wird den beiden helfen und ihnen eine hoffentlich unvergesslich schöne Zeit bescheren.

01.00 Uhr – Samstagmorgen. Das Boarding beginnt. Der Fliege ist voll bis auf den letzten Platz. Neben mir sitzt ein Israeli mit seiner Frau. Wir sind uns bereits in einem der Shops begegnet und hatten eine kurze Unterhaltung und erkennen uns sofort wieder. Er erzählt mir von seinen zwei Wochen Abenteuer auf der Insel gemeinsam mit 2 weiteren Pärchen, ohne Gepäck und wie froh sie waren alles genauestens recherchiert zu haben. Ihr Planungszeit: 1,5 Jahre. Nicht schlecht, vielleicht hätte mir eine genauere Planung für Island auch einiges an Nerven erspart, aber es ist wie es ist.

Über den Wolken mit Musik im Ohr, lasse ich den Blick in die Unendlichkeit und meine Gedanken schweifen. Ich denke an den Beginn meiner Reise und es fühlt sich an, als wäre ich bereits Jahre unterwegs. Die ersten vier Wochen Deutschland fühlen sich so weit weg an und ich mich so verändert. Ich lächle bei den Gedanken an all die wunderbaren Begegnungen, Zufälle und Begebenheiten, die ich während meiner Reise erleben durfte und die dieses Abenteuer geprägt und geformt haben.

Zur Ruhe komme ich nicht, kann auch nicht schlafen und so falle ich Fabian und Christian am Samstagmorgen um 6.30 Uhr übermüde, aber glücklich in die Arme. Nur noch die Autobahn von Berlin nach Leipzig trennt mich von einem Bett und meinem Zuhause.

Ein paar Impressionen