Greifswald ist ein kleines Phänomen für mich. Ich kenne mittlerweile mehr als eine handvoll Leute dort, die entweder dort leben oder dort gelebt haben. Daher habe ich auch schon einiges von dieser Stadt gehört und meine ganz eigene Vorstellung in meinem Kopf. Tja, was soll ich euch sagen: es ist soooo viel schöner als ich es mir hätte vorstellen können.

Greifswalder FC – eine Frauenmannschaft …

Ich bin für Freitag, 17.30 Uhr mit den Mädels der 1. Frauenmannschaft des Greifswalder FC am Volksstadion verabredet. Es regnet schon den ganzen Tag immer mal wieder und ich bin ein wenig nervös wegen dem bevorstehendem Training. 1. Frauenmannschaft. Verbandsliga. Alter Schwede, was habe ich mir nur dabei gedacht!? Die werden mir wahrscheinlich davonrennen und denken, dass ich noch nie einen Ball gesehen haben. Doch das Schicksal hört mein innerliches Geheule und schickt mir um 16.00 Uhr die erlösende Nachricht: Zu wenig Trainingsbeteiligung, Schiet-Wetter, wir treffen uns einfach 18.00 Uhr mit den paar wenigen Mädels zum Pizza essen und Bier trinken.

Gesagt getan. Wir sind am Markt verabredet und ich erkenne Madlen, die Cheftrainein der Mannschaft sofort. Auch der Rest ist pünktlich, insgesamt sind wir zu Sechst. Dies ist einerseits sehr schade, vor allem ärgert es Madlen ein wenig, denn wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellt, würde sie sich manchmal von einigen mehr Engagement wünschen und das die Priorität Fußball nicht ganz in den persönlichen Tabellenkeller rutscht. Andererseits macht es die Situation für mich leichter. Die Mädels sind in einem entspannten Smalltalk über Abi-Stress, neue MitbewohnerInnen und Zukunftspläne. Ich fühle mich in der Runde aufgenommen und ein bisschen, als würde ich die Mädels schon länger kennen. Eine der ersten Parallelen, die ich zu den Ladies bei Roter Stern Leipzig ziehen kann. Die anderen Übereinstimmungen: das auf und ab der Trainingsbeteiligung, der Kampf mit dem inneren Schweinehund, wenn das Wetter mal nicht so traumhaft ist und die freundschaftliche Basis miteinander, die mir zumindest von den Anwesenden Mona, Hannah, Malena, Christiane und Madlen transportiert wird. Die Mädels fühlen sich wohl miteinander.

Im Gespräch fällt mir vor allem eines auf, die Probleme sind hier andere, als beispielsweise in Berlin. “Eigentlich haben wir zwei Frauenmannschaften, eine 7er-und 9er-Besetzung auf dem Feld. Wenn hier nicht veraltete Feindseligkeiten greifen würden, könnten wir ein super 11er-Team mit gleichem Leistungsniveau stellen,” erzählt Madlen, die bereits seit vielen Jahren in Greifswald spielt und seit zwei Jahren für das Training verantwortlich ist. Der Verein Greifswalder FC besteht erst seit 2 Jahren in dieser Form und ist ein Zusammenschluss aus den Vereinen Greifswald und Pommern. Während im männlichen Bereich, die Mannschaften von diesem Zusammenschluss profitieren, gibt es im Frauenbereich noch Probleme. Doch im Gegensatz zu manch anderen Vereinen, können die Greifswalder Damen zumindest in gewissem Maße auf den Nachwuchs bauen. Hier funktioniert es ganz gut, dass die jüngeren in zur Ersten kommen, auch wenn zwischendrin leider nicht alle Altersklassen vertreten sind. “Wir haben den Vorteil, dass wir in Greifswald und Umland der einzige Verein sind. Wer Fußball spielen möchte kommt zu uns oder muss nach Rostock und Neubrandenburg.”

Und dort geht es dann auch zu den Auswärtsspielen hin und anders als erwartet sind sich alle einig, dass sexistische, rassitische oder einfach nur dumme Sprüche fern ihrer Spielfelder sind. Sicherlich gibt es hin und wieder eine skurrile Begegnung, über die kann im Nachhinein jedoch meist gelacht werden. Und ich wünsche den Mädels sehr, dass das so bleibt und die norddeutsche Gelassenheit und Freundlichkeit ihr stetiger Begleiter ist.

Wir lassen die ernsten Fußball-Themen hinter uns und ich lerne das nicht vorhandene Greifswalder Nachtleben kennen. So wird zwar nicht getanzt und von Club zu Club getingelt, dafür habe ich tolle Gespräche und lerne den Museumshafen bei sternenklarem Himmel kennen.

Die Welt ist ein Dorf

Nachdem die Nacht dann doch erst in den frühen Morgenstunden endete, bin ich ganz froh, dass auch Franzi entspannt in den Samstag starten möchte. Es gibt eins, zwei Sachen, die ich in der Innenstadt gern sehen möchte und erledigen muss.

Eines davon ist ein (Pflicht-)Besuch in der Unikate, um zu schauen, welche schicken Taschen meiner lieben Freundin Anne Küste hier zum Verkauf stehen, denn auch einiges von meinen Reise-Utensilien stammt aus ihren geschickten Händen und Nadeln.
Auf dem Weg dort hin bin ich alleine, bis es neben mir auf einmal fragt: “Du bist doch Jule, oder?” Vor mir steht Lucas. Wir beide kennen uns eigentlich gar nicht, nur über unsere Profile bei “Couch-Surfing”. Ich hatte mich vorsichtshalber darum gekümmert, falls ich nicht hätte bei Franzi und Arne schlafen können oder es nicht über den kompletten Aufenthalt möglich gewesen wäre. Wir kommen ins Gespräch und laufen ein Stück zusammen. Es stellt sich heraus, dass er auch die Jungs von Inside Sport kennt, welche einen Beitrag über mich und meinen Aufenthalt in Greifswald bringen wollen. Schnittstelle Nummer eins. Die zweite Schnittstelle wird klar, als Franzi sich wieder zu mir gesellt: die beiden kennen sich auch. Ich muss lachen, denn ich finde es immer wieder faszinierend, wie klein die Welt doch ist und wie sich die Kreise schließen.

Den Abend verbringe ich mit meinen Gastgebern bei Arnes Bruder, außerhalb von Greifswald in Dersekow. Der Garten und das Ambiente erinnern ein bisschen an einen kitschigen Til Schweiger-Film, aber ich merke, wie durch die Abgeschiedenheit, die Gelassenheit der Norddeutschen und diese filmähnliche Kulisse mein Kopf allmählich abschaltet und ich, wie Arnes es ausdrückt, endlich das Prinzip “Urlaub” verstanden habe.

Einfach sitzen und schauen

Um mein Prinzip “Urlaub” perfekt zu machen, übe ich mich in einer norddeutsche Eigenheit, die wahrscheinlich die Gelassenheit der Küstenkinder begünstigt: Einfach sitzen und schauen.
Und das mache ich den Großteil an diesem herrlichen warmen, sonnigen Sonntag. Erst eine Strandfahrt nach Wampen: Meer, endlose Weite, gemütliche Radwege, Fischbrötchen und die verschieden geilen Eissorten bei Eiskontor.
Den gelungenen Abschluss macht am Abend ein ausgedehnter Spaziergang in der Abendsonne um den nordwestliche Teil von Greifswald. Hierfür habe ich mich wieder mit Madlen vom Greifswalder FC verabredet. Ich freue mich, dass das Treffen klappt, weil genau dadurch habe ich das Gefühl in der Stadt auch ein wenig angekommen zu sein. Ich schätze die Gespräche mit ihr sehr und wir können schnell an den vielen Gesprächsstoff von Freitagnacht anknüpfen.

Da sind wir wieder bei diesen fließenden Gesprächen bei denen eines zum anderen kommt, ein Schweigen gewollt ist und man bei der Verabschiedung immer noch weiter erzählen könnte…

Dann eben beim nächsten Mal, denn eines ist sicher: Dies war nicht mein letzter Besuch in Greifswald!