“Eine Reise ist wie eine Ehe: Die sicherste Art zu scheitern ist zu glauben, man habe sie fest im Griff.“ – John Steinbeck, Reise mit Charley

Willkommen auf der Titanic

Klingt komisch, aber irgendwie fühle ich mich gerade genauso. Ich bin tierisch aufgeregt, denn noch nie (zumindest soweit ich mich erinnern kann) war ich über Nacht und vor allem so lange auf dem Wasser. Bis zu den Färöer Inseln sind es nun 32 Stunden. Stunden die man auf der Fähre mit schwimmen, Fitnessstudio, Kino, Bingo, Fußball an Deck, 4-Gänge-Menüs, Sauna oder Einarmigen-Banditen verbringen könnte.

Doch ich habe anderes vor! Angekommen an Bord beziehe ich zunächst mein Zimmer, oder besser gesagt Abstellschrank auf Deck 2, quasi Unterwasser. Neben mir würden 8 weitere Damen in der Sardinenbüchse Platz finden, Bettzeug gibt es nicht und auf dem Gang gibt es 2 Toiletten und 2 Duschen für insgesamt 36 Betten. Das nenne ich mal Reisen mit Stil…

Aber was solls, ich bin in einer Stunde wieder im Aufenthaltsraum verabredet, mit Reinhard aus der Nähe von Mannheim. Der Familienvater ist ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs Richtung Färöer Inseln und wir kommen ins Gespräch als wir unsere Fahrräder auf dem Autodeck sichern müssen. Wir verbringen den Abend mit frischer Seeluft und einem wundervollen Blick auf die Westküste Norwegens, ausführlichem Welzen von Reiseliteratur und Gesprächen über Serien, Urlaube und was uns eben gerade so in den Sinn kommt. Da wir beide alleine reisen, entschließen wir uns die 2,5 Tage, die ich auf den Inseln verweilen werde, gemeinsam zu planen. Da das Radfahren zwar nicht abwegig, aber wohl nicht allzu empfehlenswert ist, setzen wir uns vor allem mit den Bus- und Wanderrouten auseinander und kommen auch relativ schnell auf einen gemeinsamen Nenner: Streymoy, die Hauptinsel und Vágar werden unsere Tagesziele für Montag und Dienstag.

Gegen 23.30 Uhr neigt sich das Abendprogramm mit angenehmer Live-Musik dem Ende zu und auch mir werden langsam Augen und Glieder schwer. Die Aufregung, das Adrenalin und das Verarbeiten der vielen, vielen neuen Informationen hat mich müde gemacht. Ich genieße bei einem kleinen Gute-Nacht-Spaziergang an Deck die restliche Abendsonne am fernen nördlichen Horizont. Glücklich falle ich in mein Bett und kann es kaum erwarten ein paar Stunden Ruhe zu finden. Allerdings habe ich die Rechnung ohne meine Zimmergenossin im Bett gegenüber gemacht, die es sich anscheinend zum Ziel gemacht hat den Regenwald abzuholzen. So werden die Stunden in der Enge zur Qual und um 6.30 Uhr gebe ich das Schlafen auf.

Land in Sicht

Ich bin sprachlos, beeindruckt und fasziniert als sich die Shetland Islands am späten Vormittag vor uns erheben. Ich stehe an Deck, habe das Gefühl den Mund nicht wieder zu zubekommen und weiß gar nicht wo ich zu erst hinschauen und fotografieren soll. Selbstverständlich sind wir nicht allein an Deck, es scheint als wären alle 1.088 Passieger aus ihren Kabinen gekrochen. Und ich begegne dem ein oder anderen mittlerweile bekannten Gesicht und bekomme plötzlich ein munteres “Moin” entgegengebracht. Micha ist aus Hamburg, wir haben uns schon einmal kurz beim Check-In gesehen und nun kommen wir ins Gespräch. Auch er ist alleine unterwegs, allerdings mit seinem Motor”bike” und lässt seine Freunde und Bekannte auf seinem Blog Motorradwandern im Nordatlantik an seiner Reise teilnehmen. Doch nun sind die Zeiten des Lone Rider erst einmal vorbei und unsere kleine Reisegruppe um ein Mitglieder reicher. Gemeinsam verbringen wir den Rest des Tages mit dem Finetuning unserer Tagestouren und versuchen mit Witzen, frische Luft schnappen und Gesprächen gegen die Langeweile anzukämpfen. Eine Fährfahrt dieser Länge kann einem definitiv helfen runter zu kommen, denn wenn man nicht gerade mit Euphorie beim Bingo mitfiebert, ist hier nicht viel zu erleben.

Seit 19.30 Uhr scheint die Zeit noch langsamer zu ticken, die Minuten ziehen sich wie Kaugummi und wir behalten die Panorama-Scheiben im Auge, um rechtzeitig an Deck zu gehen, wenn sich die Inselgruppe vor uns im Atlantik erhebt.

Als die Fähre in Tórshavn einfährt bin ich überwältigt von der Schönheit… und mir steigen die Tränen in die Augen. Ich bin so froh, den Weg hier her auf mich genommen zu haben und nun in diesem Traum angekommen zu sein. Ich bin sprachlos und meine Gefühle fahren Achterbahn.

Meine Unterkunft liegt außerhalb von Tórshavn, in Argir. Die Fahrt dahin sah anstrengend aus, doch am Ende war es die Natur, die mir den Atem geraubt hat. Von meinem Zimmer aus kann ich auf den Hafen und die Insel Nolsoy schauen.

Ich freue mich jetzt schon darauf morgen mit diesem Ausblick aufzuwachen und in den Tag zu starten.

A brave new world

Es ist 6.30 Uhr Ortszeit (UTC + 01) als der Wecker klingelt, und wieder liegen nur vier Stunden Schlaf hinter mir. Aber das ist egal, denn ich bin aufgeregt und kann es kaum erwarten die Färöer Inseln zu entdecken.

Mit dem Bus geht es am ersten Tag in den Norden der Hauptinsel Streymoy nach Tjørnuvik, um von dort 7 Kilometer und 522 Höhenmeter nach Saksun zu erwandern.

Das Busfahren hier auf den Inseln ist wie Sight-Seeing, denn ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Da die Straßen irgendwann einspurig werden, müssen wir, etwa auf halber Strecke, in einen kleineren Bus umsteigen.

Ja, richtig gelesen: Wir! Denn wie auf der Fähre beschlossen, haben Reinhard und ich die Fahrrad für eine Pause stehen lassen und erkunden nun gemeinsam zu Fuß die Inseln.

In Tjørnuvik angekommen haben wir das Gefühl fernab der Zivilisation zu sein. Der Ort liegt verschlafen in der Bucht und die Sonnenstrahlen kommen allmählich über den Berg. Vor uns liegt ein unglaublicher Blick aufs Meer und die Felsen “Der Riese und die Trollfrau“. Die beiden Felsen sind wesentlich kleiner als der Rest der Inseln und die Legende besagt, dass der Riese und die Trollfrau versucht haben, die Färöer nach Island zu ziehen, dabei aber von der Sonne überrascht wurden und versteinerten.

Und tatsächlich hat man das Gefühl, es wäre gerade eben erst passiert.

Der Weg über den Berg nach Skasun führt uns zunächst geradewegs nach oben, immer entlang der Holzstöcke mit den roten Köpfen. Die Sonne scheint und gibt uns die Möglichkeit die Weite des Blickes in vollen Zügen zu genießen. Wie hoch wir eigentlich kommen, realisiere ich erst als eine Wolke an der Spitze der Felsen hängen bleibt und wir von einer Minute auf die andere im Nebel stehen. Es ist krass, wie man innerhalb von Sekunden das Gefühl haben kann an einem völlig anderen Ort zu sein. Neben uns taucht eine kleine Gruppe Schafe auf und auf Grund der eingeschränkten Sicht fühlt sich dieses Treffen sehr privat an. Wir konzentrieren uns auf dem Weg entlang der neuen Makierung, Steinhaufen, machen eine kurze Rast an einem der unzähligen Bachläufe und kleinen Wasserfälle und genießen das herrlich frische Quellwasser. Meine atmungsaktiven Radschuhe schwimmen mittlerweile, aber egal, sie haben ein gutes Profil um auf Felsen und durch Wiesen voran zu kommen. Und während wir mit Weg und Schuhen beschäftigt sind, lichten sich hinter uns die Wolken und geben plötzlich den Blick auf die umliegenden Felsen und Riffe frei und nehmen mir erneut für einen Moment die Luft. Ich glaube das die Worte “krass“, “Wahnsinn“ und “Siehst du das?“ 75% meiner Kommunikation ausmachen.

Während ich darüber nachdenke, dass weder Worte noch Bilder auch nur annährend darstellen können, was ich hier sehen und erleben darf, verändert sich die Natur um mich herum fast minütlich, lässt mich immer wieder anhalten, die Atmosphäre aufsaugen und doch den Versuch wagen, es in einem Foto festzuhalten.

Etwa eine Stunde bevor wir unser Ziel Saksun erreichen, treffen wir auf Annkatrin aus Dänemark. Sie ist alleine unterwegs, während ihr Mann mit den beiden Töchtern die Stadt erkundet. Wir sind also wieder zu dritt und haben mit ihr nicht nur menschlich, sondern auch in Sachen Fortbewegung einen echten Zugewinn, denn von Saksun fahren keine Busse und die nächste Haltestelle liegt 11 Kilometer entfernt. Tja, und Annkatrin ist mit dem Auto da und bieten uns an uns bis zur nächsten Möglichkeit mitzunehmen. Doch bevor es zurück Richtung Stadt geht, genießen wir den atemberaubenden Blick bei einer Tasse Kaffee und warmen, frischen Waffeln. Irgendwie scheint das Gras hier viel grüner, das Wasser viel reiner und der Himmel so viel blauer. In Saksun leben etwa 11 Menschen und es scheint als wäre hier die Zeit stehen geblieben und die Welt noch in Ordnung.

Am Ende der Welt

Tag zwei auf den Färöer beginnt für mich ziemlich stressig, denn wieder habe ich es nicht wirklich zeitnah ins Bett geschafft und der Wecker klingelt wieder ziemlich früh… und dieses Mal verschlafe ich, fast! Heute müssen dann eben 13 Minuten reichen, um wach zu werden. Reinhard wartet bereits auf mich und unser Weg führt uns heute morgen mit dem Bus nach Vestmanna, im Westen von Streymoy und von dort aus mit dem Boot zu den Vogelklippen, wo die heimischen Puffins nisten. Wieder ist das Wetter auf unserer Seite und vor uns liegt ein sonniger Tag.

Da die Tour um 10.00 Uhr bereits ausgebucht ist, buchen wir direkt die nächste und nutzen die Zeit, um uns das Sagamuseum anzuschauen und mehr über die Geschichte der Färinger zu erfahren. Die Zeitreise erinnert mich an das London Dungeon, vor allem weil es eher die dunkle Seite mit Folter, Piraterei und die gewaltsame Christianisierung beleuchtet. So kam der Glaube auf die 18 Inseln im Atlantik mit viel Zorn und dem Schwert, weil wer sich nicht anschloss hatte automatisch sein Todesurteil unterschrieben.

Nach all dem Blut und Schauergeschichten freue ich mich auf die Bootstour und kann nicht mal ansatzweise erahnen was mich erwartet. Und auch jetzt fällt es mir schwer Worte dafür zu finden. Wir fahren entlang der Klippen, in Höllen, sehen die Vögel über und neben uns, bekommen Genickstarre beim Bestaunen der Hunderte von Meter hohen Felswände und ich kann es einfach nicht glauben was ich sehe, deshalb hoffe ich, dass die folgenden Bilder für sich sprechen, auch wenn sie die tatsächliche Schönheit nur erahnen lassen.

Nachdem wir wieder zu Luft kommen und das Gehirn wieder arbeitet, fasst sich Reinhard ein Herz und spricht seinen Zimmergenossen von der Fähre an, ob er und seine Frau uns ein Stück mitnehmen können, da der nächste Bus noch zwei Stunden auf sich warten lässt. Und tatsächlich haben sie noch ein Plätzchen frei und wollen auch an den gleichen Ort wie wir, nach Miðvágur. Von dort aus führt eine Wanderroute direkt an den Ursprung eines Wasserfalls, die wir uns nicht entgehen lassen wollen.

Die Route ist um einiges leichter, als die am Vortag, aber wir sind auch etwas gehetzt, da wir uns nicht sicher sind, wann genau der letzte Bus zurück ins Herz der Inseln fährt. Umso besser, dass die Höhenmeter heute ausbleiben.

Was soll ich sagen… wenn man am Ursprung eines Wasserfalls steht, der etwa 180 Meter unter einem ins Meer stürzt, fühlt es sich an als hätte man das Ende der Welt erreicht und sehe gleichzeitig die Unendlichkeit vor sich.

Wenn es sich ein bisschen wie Zuhause anfühlt

Wie auch schon den Abend vorher, lassen Reinhard und ich den Tag im Irish Pub ausklingen und ich stärke mich mit einem kühlen Bier und Fish’n’Chips, im Fernseher über mir läuft Dart und kurz fühle ich mich wie in meinem Killiwilly. Diese Gefühl rundet den Tag perfekt ab, denn die paar Stunden hier in Tórshavn hatte ich immer den gleichen Busfahrer, der bereits mehrfach auf Island war und mir am morgen einen ganz persönlichen Reiseplan in die Hand drückt. “Diese Dinge solltest du unbedingt gesehen haben!“

Den letzten Tag und Stunden verbringen Micha aus Hamburg, Reinhard und ich nit einer kleinen privaten Führung durch die Hauptstadt, erfahren viel über die Wirtschaftskrise in den 90er, treffen den einen oder anderen Minister und lauschen gespannt den Erzählungen über die “Hidden people“ – Riesen, Hobbits, Elfen. Ja, es gibt sie und sie sind fester Bestandteil der färinger Kultur.

Un 16.00 Uhr Ortszeit stehe ich wieder bepackt am Hafen, es fängt an mit Nieseln und in mir steigt Vorfreude auf, endlich wieder auf die Fähre zu gehen und in weniger als 24 Stunden wieder im Sattel zu sitzen. Zurück an Bord scheint alles gleich: das Zimmer, das Servicepersonal und einige bekannte Gesichter. Man grüßt sich, wertet die letzte Tage aus und teilt die Vorfreude auf das nächste Abenteuer.