Vorfreude und Traurigkeit

Angekommen in Bolungarvík baue ich mein Zelt in einem Gebiet auf, welches extra für die Teilnehmer der Schlammfußball-EM ist und direkt am Spielfeldrand liegt. Ich platziere mich logistisch sinnvoll, aber auch so, dass der Blick am Morgen mir wohl täglich ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird.

Es gibt für alle Teilnehmer an diesem Wochenende einen Kombipreis für Camping und Erholung im Wasser, da sage ich natürlich nicht nein und obwohl das Ganze erst ab dem nächsten Tag gilt, darf ich auch heute schon planschen gehen. “Das geht heute aufs Haus. Komm erst einmal gut an.“ Ich bin unendlich Dankbar, darf sogar meine Wäsche ohne Aufpreis waschen und komme mit Gaui ins Gespräch. Er sorgt hier für Ordnung und Sicherheit und wird in den nächsten Tagen zu einer wichtigen Bezugsperson für mich, denn Gaui ist sensibel und feinfühlig und merkt, dass ich etwas blockiert bin, noch bevor ich es wirklich realisiert habe.

Wenig später liege ich bei 13°C Außentemperatur und Sonnenschein im 42°C heißen Pool und lasse die Seele baumeln. Meine Gedanken kreisen, ich denke an mein Zuhause, Familie, Freunde und wie gern ich den einen oder die andere gerade an meiner Seite hätte und mein Herz wird schwer. Ich beobachte die Kinder, die um mich herum die “Unterwasserwelt“ erkunden und für die ich wie eine Art Kliff zu sein schein, über das man klettern, schwimmen oder es weiträumig umrunden kann. Die Zeit vergeht wie im Flug und eh ich mich versehe ist es Abend. Ich nutze die Zeit und die Ruhe, um mit ein paar Freunden zu telefonieren und genieße das letzte deutsche Bier, welches bei Uwe und Anke an Bord zu finden war. Mir wird bewusst, dass all die Aufregung auf das große Event die nächsten Tage ein viel größes Gefühl in mir überdeckt – Einsamkeit. Wieder schaue ich auf die Berge, komme mir so winzig klein vor und habe das Gefühl am anderen Ende der Welt zu sein.

Zwischen Pleite und Party

Der nächste Morgen beginnt sonnig. Ich nutze die Zeit, um einkaufen zu gehen und bin sehr gespannt darauf am Nachmittag meine Teamkollegen kennen zu lernen. Gegen 15.00 Uhr beginnt die Anmeldung für das Tunier. Da es wohl einige Spieler ohne Team gibt, wird es beim Turnier zwei sogenannte Random-Teams geben, welche bunt durchmischt und willkürlich zusammengesetzt sind. Vor meinem Name steht nun ein A und da ich die Erste auf dem Blatt bin, werde ich mich noch etwas gedulden müssen, bis ich endlich meine Mitstreiter kennenlerne. Doch im nächsten Moment ist mir das erst einmal egal. Ich kann meine Startgebühr nicht zahlen. Während eine Stunde vorher das Bezahlen des Einkaufs noch problemlos ging, stehe ich nun da und der Zahlungsvorgang schlägt immer wieder fehl. Ich überprüfe mein Konto, laut Internetbanking ist noch genug drauf, allerdings stehen noch einige Zahlungen aus und auch ein Geldeingang lässt im Moment noch auf sich warten. Da sitze ich nun also, am Ende der Welt ohne Geld. Mir steigen die Tränen in die Augen, jeder vernünftige Lösungsansatz scheitert und ich habe auf einmal das Gefühl völlig fehl am Platz zu sein.

Da kommt Gaui mir zu Hilfe, er kennt die Organisatoren sehr gut und so bekomme ich die Bändchen für Turnier und Parties und darf gerne später bezahlen. Ich bin ihm so unendlich dankbar und fühle mich gleichzeitig peinlich berührt und ziehe mich zunächst in mein Zelt zurück, tief durchatmen, etwas schlafen und wieder klare Gedanken bekommen.

Am Abend sitze ich in der Vorhalle des Swimming Pools, unterhalte mich mit Gaui und überlege, was ich mit dem angebrochenen Abend anfangen soll. Ich ärgere mich ein bisschen, denn am Nachmittag saßen zwei deutsche Mädels, etwa mein Alter, neben mir im Pool, und für gewöhnlich hätte ich sie wohl auch ohne nachzudenken angesprochen, doch im Moment bin ich nicht ganz ich selbst und bleibe zurückgezogen. Doch das Schicksal meint es gut mit mir, gibt mir eine zweite Chance und so stellt mir Gaui Magnus und seine Freundin Annika vor. Annika kommt aus Deutschland, kam vor vier Jahren als AuPair nach Island und lernte Magnus kennen und lieben. Sie hat gerade Besuch von Verena, ebenfalls Deutsche und ehemaliges AuPair. Die drei nehmen mich offen in ihre Runde auf und zeigen mir bei einem kleinen Spaziergang Bolungarvík. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch und die Mädels können sehr gut nachvollziehen, wie es mir gerade geht. Es tut gut mich mit ihnen zu unterhalten und ich freue mich, dass wir uns für den späteren Abend verabreden, um nach Isafjöður zu fahren.

Die Straße ist voll mit Menschen und auch drinnen drängen sich die Menschen zwischen Tanzfläche und Bar. Die Luft ist warm und schwitzig und es liegt Freude und Euphorie in der Luft. Es ist schon eine Weile her, dass ich abends weggegangen bin. Meist haben mich die Touren so geschafft, dass ich gegen 23.00 Uhr ins Bett gegangen bin und außerdem hätte ich es mir bei den Bierpreisen im Norden eh nicht leisten können, ab und an mal weg zu gehen. Aus diesem Grund sauge ich die Atmosphäre noch intensiver in mich auf, genieße das Bier, welches Magnus ausgegeben hat und fühle mich wohl. Verena, Annika und ihr Freund geben mir das Gefühl unter alten Freunden zu sein und lassen mich mein Heinweh für einen kleinen Moment vergessen.

Mögen die Spiele beginnen

Endlich Samstag. Endlich Schlammfußball-EM. Allerdings weiß ich immer noch nicht zu welchem Team ich gehöre. Als Gaui dies mitbekommt, fackelt er nicht lange: “Das ist Heklap (gesprochen ohne das P am Ende) und Karitas. Sie sind die Besten und du wirst in ihrem Team spielen.“ Ich stelle mich den Mädels vor und habe ein paar Sekunden später Shirt, Hose und Stuzen in der Hand. “Los zieh dich um, das wird richtig spaßig heute.“ Die Mädel sind schon alte Hasen im Schlammfußball und schneiden meist sehr erfolgreich ab. In diesem Jahr sind wir zum ersten Mal das einzige Frauenteam und gehen sowohl gegen Mixed Teams als auch reine MANNschaften aufs Feld. Als ich mich umziehe, stehen auf einmal drei weiteren Menschen vor mir: “Du bist Jule, oder? Du bist in unserem Random-Team. Da wir keine Trikots haben, markern wir uns mit den Stiften hier im Gesicht und an den Armen.“ Wie keine Trikots? Aber ich hab doch hier eins und wieso auf einmal Random-Team? Ich bin verwirrt. Hatte ich vor 10 Minuten noch kein Team, habe ich nun sogar gleich zwei.

Da ich das Trikot bereits übergeworfen hatte, biete ich dem Random-Team an für sie als Springer zu spielen, falls sie eine zusätzliche Ersatzfrau brauchen. Mittlerweile ist mein Team vollständig und strotzt nur so vor Energie. Ich werde von allen herzlich aufgenommen, bekomme zunächst ein Bier zum warm machen und fühle mich von Anfang an wohl. Das einzige Problem: die Namen. Karitas, Heklap, Valdism, etc. Ich werde mich bemühen, versprechen kann ich jedoch nichts.

Wir sind gleich die zweiten, die in den Schlamm müssen und ich bin aufgeregt. Die ersten Schritte sind klitschig und kalt und ich merke sofort, dass das Spielen heute definitiv eine andere Nummer wird, als auf Rasen oder Kunstrasen zu spielen. Es dauert auch nicht lange, das ist von dem weiß meiner Stuzen und Hose nicht mehr viel zu sehen, auch meine Schuhe sehen eher wie Klumpen aus. Aber es macht einen höllischen Spaß! Nach vier Minuten gehe ich das erste Mal vom Feld. Meine Lunge pumpt wie ein Maikäfer und ich merke jetzt schon, dass ich morgen wohl tierischen Muskelkater in Beinen und Oberarmen haben werde. Aber wieso Oberarme? Nunja, im Gegensatz zum “normalen“ Fußball gibt es im Schlamm eine wichtige Regeländerung, denn das tätliche Angreifen des Gegners ist ausdrücklich erwünscht. Aus diesem Grund wird geschubst und gerangelt was das Zeug hält, während der Ball schleppend über das Feld kullert, es sei denn, man steht günstig und kann den Ball im hohen Bogen Richtung Tor befördern. Mittlerweile merke ich den Schlamm schon gar nicht mehr wirklich und nach der letzten Partie beginnen wir eine Schlammschlacht, dass auch die letzte im Team ihre Gesichtskur bekommen hat. So sollte es auch sein, denn anderswo geben Menschen viel Geld dafür aus, um sich Schlamm ins Gesicht schmieren zu lassen.

Die Siegerinnen der Herzen

Bevor die finalen Spiele beginnen, gibt es eine kleine Siegerehrung zwischendurch. Wieso? Extra für uns! Zwar haben wir es nicht in die Finalrunden geschafft, aber als einziges Team mit 100% Girlpower steht uns der Titel “Europameister im Schlammfußball in der Kategorie Damen“ zu! Als Trophäe gibt es 70 Dosen Bier, 50 Donuts und einen großen, pinken Kuchen, sowie Ruhm und Ehre und wildes Blitzlichtgewitter! Am Abend steht es sogar in den größeren Islandischen Medien, dass wie Europameister sind.

Tatsächlich gewinnt am Ende Random-Team A, die mich im Endeffekt nicht gebraucht haben. Ich freue mich für die lustige und trinkfreudige Gruppe und anscheinend war der Titel an diesem Wochenende für mich vorprogrammiert. 🙂

Geschafft und glücklich geht es traditionell weiter. Unser Team geht geschlossen in den 7°C “warmen“ Fluss, un Schuhe und Sachen auszuspülen, bevor es unter die heiße Dusche und in den Whrilpool geht. Das Wasser ist eisig und ich habe das Gefühl, dass mir die Füße abfrieren, aber so ist das eben in einem Team: Einer für alle, alle für einen! Und die heiße Dusche danach fühlt sich so richtig verdient an. Nach dem Wellnessprogramm geht es für mich erst einmal wieder alleine ins Zelt, ausruhen, ein kleines Nickerchen machen, um abends fit zu sein für die große After-Show-Party im Gemeindehaus. Vorab treffen wir uns alle bei Heklap und ihrem Freund Steven, sitzen zusammen, lachen, trinken unseren Pokal, bevor wir später mit allen anderen TeilnehmerInnen die Nacht zum Tag machen. Auf der Party treffe ich auch auf Annika und Magnus und fühle mich für den Moment wieder voll in meinem Element, lerne neue Leute kennen und falle in den frühen Morgenstunden mit einem leichten Schwibs und glücklich in mein Zelt.

Ein paar Impressionen