Das erste Tor für Island fällt schnell, denn ich bin überwältigt, sprachlos und in den ersten Tagen völlig überfordert mit dem was vor mir liegt. Aber schließlich können wir nicht wissen zu was wir im Stande sind, wenn wir immer nur das tun, was wir immer tun. Und manchmal kann wachsen eben auch weh tun.

Von Seyðisfjörður nach Egilsstaðir

Die Ankunft in Island ist feucht-fröhlich. Allerdings nicht, weil ich betrunken bin, sondern weil ich mich wahnsinnig auf das freue, was vor mir liegt, das Wetter mich allerdings nach 30 Minuten komplett durchdrängt hat. Vor mir liegt eine Nebelwand und 600 Höhenmeter. Das erste Ziel heißt Egilsstaðir und liegt etwa 26 Kilometer entfernt.

Ich starte gemeinsam mit Marjin und seinem Sohn Boris, zwei Niederländer die ich auf der Fähre kennen gelernt habe und die anfangs die gleiche Richtung einschlagen. Geinsam kämpfen wir uns nach oben, gelegentlich falle ich zurück. Wenn die Steigungen zu stark werden und ich merke, dass die Luft noch nicht 100%ig mitspielen will, steige ich ab, halte einen Moment inne, sammel meine Kräfte und schiebe bis der Anstieg etwas ebener wird. Ich bin überwältigt von der Natur, denn auch wenn der Nebel zum Teil nur eine Sicht von 50-70 Metern zulässt, lassen die paar Meter Landschaft, das Rauschen der Wasserfälle und Flüsse zumindest erahnen was vor mir liegt.

Und wo es bergauf geht, geht es auch gelegentlich wieder bergab und hier mit einer Steigung von 10% und scheinbar endlosen Kurven. Wir kommen schnell auf die 56km/h und schneller und das Gefühl ist eine Mischung aus fliegen und fallen – nahe dem Kontrollverlust. Wir müssen anhalten und die Sachen wechseln, weil der Wind so eisig wird, dass sich Eis an meinen nassen Haaren bildet.

Kurz vor der Einfahrt in Egilsstaðir stelle ich fest, dass meine Lenkradtasche anders aussieht und irgendetwas scheint zu fehlen: mein Handy!!! Ich breche für den Bruchteil einer Sekunde in Panik aus, doch diese kann mir jetzt auch nicht weiterhelfen. Marjin und Boris sind schon zu weit und hören mich nicht mehr, ihnen hinterher zu fahren würde mich zu viel Zeit kosten und auch Höhenmeter. Doch als ich mich umdrehe scheint der kleine Parkplatz, an welchem wir uns umgezogen haben, Stunden entfernt. Ich lasse mein Fahrrad am Straßenrand in die Wiese gleiten und halte den Daumen raus. Tatsächlich hält das zweite Auto, der Fahrer versteht nur leider kein englisch, doch er gibt mir zu verstehen, dass er mit helfen wird. Er ruft seine Frau an, ihr schildere ich mein Problem und sie erklärt ihm die Situation. Wir lassen das Fahrrad liegen und fahren zum Parkplatz, wo mein Handy versteckt unter einem Busch liegt. Ich fühle mich wie der glücklichste Mensch der Welt. Der freundliche Isländer fährt mich zurück zu meinem Fahrrad und nach gefühlt 1000 Danksagungen steige ich zurück in den Sattel.

Nach den sieben Minuten in warmen Auto scheint die Abfahrt nun noch kälter. Ich steuere unverzüglich den ausgeschilderten Campingplatz an, der direkt an der Information liegt, doch leider keine Spur von dem beiden Niederländern. Mein einziger Gedanke: eine heiße Dusche!

Noch bin ich mir nicht sicher, wie ich den Tag nutzen möchte, schließlich ist es gerade mal 12.00 Uhr. Wie es der Zufall so will, treffe ich Martin, einen der Autoren der Radkarte #cyclingiceland. Er war auf der selben Fähre wie ich, kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt nun mit seiner Familie in Reykjavik. Er zeigt mir welche Routen Sinn machen, was sich schön fahren, aber vor allem schauen lässt und rät mir davon ab heute weiter gegen das Wetter zu kämpfen. “Im Endeffekt kannst du maximal ein oder zwei Tage planen, denn es ist alles wetterabhängig und das Wetter ändert sich hier schnell.“ Also schlage ich mein Zelt auf, gehe ausgiebig heiß duschen und verbringe den Nachmittag mit Kekse naschen und Karten von Island studieren.

Da mich irgendwann der Hunger packt, mache ich einen kurzen Spaziergang zum nächsten Supermarkt. Als ich zurück komme, kommen mir Marjin und Boris entgegen. Sie haben nach mir gesucht und wollten gerade eine Nachricht in der Information für mich hinterlassen. Die beiden sind auf einem anderen Campingplatz gelandet, also entschließen wir gemeinsam in einem Restaurant zu Abend zu essen, dann bleiben die Einkäufe eben für morgen.

Ich genieße das kühle Bier, die leckeren Rippchen in BBQ-Sauce und die Erzählungen von Marjin, der sein Leben sehr viel zum Reisen genutzt hat und nutzt und bereits vor 20 Jahren mit dem Rad in Island war und nun sehr glücklich darüber ist, das Land noch einmal mit seinem 14-jährigen Sohn zu entdecken. Die Rechnung geht komplett auf ihn: “Ich weiß, wie es ist alleine zu reisen. Und ich habe stets Hilfe bekommen. Es ist an der Zeit etwas zurück zu geben!“ Ich bin ihm unendlich dankbar und verspreche, es ebenso weiterzugeben, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.

Auf der Suche nach mir selbst

Ich habe die Nacht sehr schlecht geschlafen. Der Wind hat an meiner Zeltwand gerüttelt und es hat einfach nicht aufgehört mit regnen. Und auch jetzt kommt es nass von oben. Mein Gepäck steht mittlerweile im Aufenthaltsraum und unter einem Dachvorsprung versuche ich mein Zelt halbwegs trocken zu verpacken. Der Bus mit Marjin, Boris, mir und unseren Fahrrädern startet um 9.11 Uhr bei strömendem Regen und Nebel. Je weiter wir in den Westen kommen, desto besser wird die Sicht und gibt mir die Chance die atemberaubende Natur aus dem Panorama-Fenster in vollen Zügen zu genießen.

Wir erreichen Akureyri, die Stadt unterhalb des Eyjafjörður, gegen Mittag und schlagen unsere Zelte auf dem Campingplatz mitten in der Stadt auf. Ich beschäftige mich den Nachmittag erneut mit Karten und Buspreisen und versuche mir einen halbwegs vernünftigen und wetterunabhängigen Paln für die nächsten drei Wochen zu machen. Ich fühle mich ein wenig überfordert und habe unglaublich viel Respekt vor den Kilometern, die vor mir liegen. Es ist fast ein wenig beängstigend. Eins wird auf jeden Fall schnell klar, ich muss mich entscheiden zwischen der Schlamm-Fußball-EM in den Westfjorden und Reykjavik. Beides schaffen zu wollen würde mich zu viel Geld und Zeit kosten und mein Rad zu lange überflüssig machen. Ich muss mich schließlich entscheiden, warum ich hier bin! Um dem Massentourismus hinterher zu jagen oder Dinge zu entdecken, die nicht jeder sieht? Ich entscheide mich klar für Zweiteres!

Aus diesem Grund starte ich Richtung Hrísey. Ein Geheimtipp von Annemarie, eine lebensfrohe und rüstige Rentnerin in den 70igern aus der Schweiz, die schon seit einigen Jahren den Sommer auf Island verbringt und stets mit dem Fahrrad unterwegs ist. Sie hat mir die kleine Insel mit rund 170 Einwohnern schmackhaft gemacht und die Tagestour von 40 Kilometern klingt moderat, um mich mit dem isländischen Höhenmetern anzufreunden, denn aktuell bin ich mir immer noch etwas unsicher, wie viele Tageskilometer ich mir zutrauen kann.

Ich verabschiede mich von Marjin und Boris, die nun weiter Richtung Süden reisen und mache mich voller Elan und mit den ersten Sonnenstrahlen auf meiner Haut auf in den Norden. “Am meisten wird dich der Wind ankotzen.“ Ohja Annemarie, wie Recht du hast. Mit maximal 10-12 km/h kämpfe ich gegen den Wind, immer mit einem leichten Anstieg unter den Reifen und den Blick geradeaus auf die gewaltigen Berge und Felslandschaften, die sich vor mir erheben. Ich halte alle 45 Minuten an, wenn es die Straße zulässt, um die Natur aufzusaugen und kurz Luft zu holen. Immer wenn ich glaube, den höchsten Punkt meiner Strecke erreicht zu haben, geht es kurz bergab und dann noch weiter nach oben. Der Wind ist eisig und mittlerweile trage ich vier Lagen an meinem Oberkörper und zwei Paar Socken, doch meine Füße scheinen mittlerweile Tiefkühlkost zu sein. Und auch der Hunger setzt allmählich ein und so werden die letzten vier Kilometer bis zur Fähre noch einmal kräftezehrender.

Ich genieße die Aussicht aufs Wasser und bin dankbar für den Moment, mir gegenüber bildet sich ein Regenbogen zwischen Insel und Bergen und ich hole tief Luft. Angekommen in diesem kleinen Paradies, ist es genauso wie Annemarie es beschrieben hat und auch der Punkt, dass ich allein auf dem Campingplatz sein werde, war für mich unvorstellbar, ist aber wahr. Ich platziere mich windgeschützt hinter der Hecke, nutze den Nachmittag zum Wäsche wasche, damit die Sonne sie trocken kann und genieße den Blick auf den Nordatlantik von meinem “Privatsteg“, der direkt ins Wasser führt.

Energie und Harmonie

Um gegen das Heimweh anzukämpfen, gönne ich mir am Sonntagmorgen eine große Portion “Eggs and Beans“ und tatsächlich fühle ich mich meinen Lieben gleich ein wenig näher. Meine “Black Pearl“ dient heute weiterhin als Halterung für die Wäscheleine und meine Radschuhe werden, wie auch schon auf den Färöer Inseln, zu Wanderschuhen umfunktioniert. Vor mir liegen etwa sechs Kilometer unberührte Natur und auch das Schild am Anfang der Strecke bestärkt mich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben:

Öffne deinen Geist und sei gut zu dir!

Du betrittst nun eine Welt voll Energie und Harmonie, welche deinen Körper als auch deine Seele regenerieren wird. Entdecke die heilende und lebensbejahende Kraft dieses Ortes, wenn sie dich umgibt.
Fühle die Energie in Dir.

Ich bin völlig alleine auf dem Wanderpfad im Nordosten der Insel unterwegs und umgeben von unbeschreiblicher Schönheit. Auf Hrísey leben neben den 170 Einwohnern über 40 verschiedene Vogelarten und es ist der Wahnsinn wie viele ich hoer draußen hautnah erleben kann. Ich bewege mich vorsichtig und leise und spüre den Wind des Flügelschlages in meinen Haaren. Als ich an den Klippen stehe, kann ich auf die sich öffnende See blicken und verliere mich für einen Moment in dieser Aussicht, schließe die Augen, atme tief durch und da ist es – das Gefühl von Energie und Harmonie.

Insgesamt bin ich 2,5 Stunden in einem gemütlichen Tempo unterwegs und genieße die Sonnenstrahlen, die zum Nachmittag allmählich mehr werden. Zurück am Zelt packe ich meine Badesachen und gönne meinem Körper zwei Stunden Auszeit in den Wellen des angrenzenden Swimming Pools, schwimme gemütliche Bahnen und entspanne im 42°C warmen Whirlpool, schließe die Augen und spüre, wie die Sonne auf meiner Nase tanzt.

Den perfekten Abschluss machen ein kühles Bier und selbstgemachte Blaubeer-Erdbeer-Torte in einem kleinen Café bevor ich in der Abendsonne vor meinem Zelt in einem guten Buch versinke.

Den Blick nach vorn

Ich beginne den Tag mit der gleichen Gelassenheit mit der ich am Abend vorher schlafen gegangen bin. Gemütlich packe ich mein Zelt und wäre am Mittag auch eigentlich abfahrbereit, doch da ich die Strecke kenne und das Wetter einfach nur traumhaft ist, bevorzuge ich den Pool und genieße noch einmal zwei Stunden schwimmen umgeben von einem atemberaubenden Panorama.

Als ich gegen 15.00 Uhr mit der Fähre die Insel verlasse, fühle ich michso tiefenentspannt wie lange nicht mehr. Und ich bin auch ein wenig wehmütig, dieses kleine Paradies verlassen zu müssen. Wäre ich nicht ganz alleine und könnte diese Idylle mit einem lieben Menschen teilen, würde ich es locker noch eine Woche oder länger hier aushalten. Doch jetzt fehlt mir der Kontakt zu Menschen und ich möchte dem Gefühl der Einsamkeit nicht zu viel Raum geben, um das,Land in vollen Zügen genießen zu können.

Es ist ein befreiendes Gefühl wieder auf dem Rad zu sitzen und es tut so gut nicht gegen Wind, Wetter und andere Dämonen kämpfen zu müssen, sondern bei strahlendem Sonnenschein eine Landschaft zu genießen, der Worte nicht gerecht werden können. Mit einem Lächeln im Gesicht erreiche ich Akureyri und bin voller Vorfreude auf meinen Trip nach Isafjörður und die “Schlammfußball-EM“.