Immer wieder stelle ich fest, je weniger Erwartung man an etwas hat, desto schöner wird es. Und es sind vor allem die spontanen Entscheidungen, die uns überraschen können und uns Momente bescheren, die wir so nicht mehr missen möchten.

Montag, 19.06.2017

Einfach sitzen und schauen. Relaxed in den Tag starten und die Uhr Uhr sein lassen. Das “Prinzip Urlaub” ist mir nach den Tagen in Greifswald in Blut und Mark übergegangen und ich lasse mich nicht stressen. Und nach einem ausgedehnten Frühstück, E-Mails schreiben und Taschen packen ist es dann doch schon 15.15 Uhr als ich endlich abfahrbereit im Sattel sitze und Richtung Stralsund starte. Ich bin gespannt wie die Strecke wird, denn in diversen Foren gibt es doch einige, die den Untergrund des Radweges bemängeln und meinen, dass es auf die Länge der Strecke entlang der ehemaligen B96 mit einem bepackten Trecking-Rad eher unzumutbar sei. Nun denn, was soll mich jetzt noch schocken.

Es ist extrem heiß, der Himmel über mir wolkenlos und die Strecke eher mental statt physisch anstrengend. Mir ist langweilig. Das hatte ich bisher auch noch nicht. Ich sitze auf meinem Fahrrad und weiß mit mir nichts anzufangen. Mir fällt auf, dass ich während der letzten zwei Wochen noch nicht einmal meine Kopfhörer benötigt habe und irgendwie fehlt es mir auch nicht. In Leipzig habe ich eigentlich immer Musik gehört, jeden Meter, egal ob zu Fuß oder via Bike.

Doch jetzt genieße ich das Zwitschern der Vögel, das Kreischen der Möwen und das Rauschen des Meeres. Mehr brauche ich nicht. Ich genieße die Aussicht und denke darüber nach, wie ich von Stralsund weiter mache. Ich war bisher nur einmal dort, in der siebten Klasse, Klassenfahrt. Ich erinnere mich, dass wir unter anderem einen Tag auf Hiddensee waren und kann mich aber in keinster Weise im Detail daran erinnern. Lediglich die Überfahrt ist mir im Gedächtnis geblieben und wie mein Klassenkamerad am vollen Deck der Fähre gegen den Wind gekotzt hat.

Es ist etwa 20.30 Uhr als meine Fähre in Vitte auf Hiddensee anlegt. Auf dem Weg hierher habe ich zumindest schon einmal festgestellt, dass es keine Zeltplätze gibt. Gefühlt 80% der Insel gehören zum Naturschutzgebiet, d.h. übernachten und zelten verboten. Was das für mich im Einzelnen bedeutet, weiß ich noch nicht genau. Ich denke mir, zur Not packe ich mich eben einfach den Strand. Von der Fähre runter fahre ich von Vitte aus in nördliche Richtung nach Kloster. Ich bin überwältigt von der Schönheit der Insel in der Abendsonne und wünsche mir, dass die Zeit stehen bleibt. Gegen 21.30 Uhr erreiche ich den Inselblick und die sogenannte Götterbank. Der Blick ist atemberaubend und ich entschließe mich zumindest mein Abendessen hier zu genießen.

Mittlerweile setzt die Dämmerung immer stärker ein und ich habe auch schon den Schalfsack über meinen Beinen liegen. Das Menschenaufkommen hat stark abgenommen. Ich träume vor mich hin und genieße den Ausblick, als ein Radfahrer hält. Vielleicht ein Tourist der Fotos machen will, doch dafür wirkt er zu vertraut mit der Umgebung. Wir kommen ins Gespräch. Dirk veranstaltet Bildungsreisen seit 10 Jahren auf Hiddensee und kennt Insel und Leute sehr gut. Er bietet mir ein Bier an und wir quatschen eine ganze Weile über Dinge, die wichtig sind im Leben und einen glücklich machen. Ich erzähle ihm von meiner Reise und promt bekomme ich die Nummer von einem Bekannten, der als Wanderführer auf Island arbeitet.

Mittlerweile ist es kurz vor 12 als zwei Räder vom Leuchtturm gefahren kommen. Es sind Reiner und seine Frau „Ibo“ Ingeborg, die aktuell an der Bildungsreise von Dirk teilnehmen und Rainer hat gleich Geburtstag. Aus diesem Grund werden Sekt, Bier und etliche Leckereien aus den Fahrradtaschen geholt und wir stoßen gemeinsam an. Ich fühle mich wohl und aufgenommen, als würde ich die drei schon ewig kennen.

Dienstag, 20.06.2017

3:30 Ich werde wach als ein Radfahrer an der Götterbank vorbeiradelt. Es dämmert bereits und ich stelle fest, dass ich die Nacht oder besser gesagt die zwei Stunden nicht wirklich fest geschlafen habe. Trotzdem fühle ich mich fit, packe meinen Schlafsack zusammen und starte Richtung Leuchtturm Dornbusch, denn in der nächsten Stunde wir die Sonne aufgehen.

4:45 Ich bin überwältigt vom Anblick der Sonne, die sich langsam und anmutig am Horizont erhebt. Ich stehe einfach nur da, regungslos, mein Kopf ist leer und doch spüre ich in diesem Moment so unglaublich viel. Ich bin glücklich, sprachlos und möchte den Moment einfrieren.

5:15 Der Strand ist menschenleer. Ich fühle mich wie der einzige Mensch auf dieser Insel, stelle mein Fahrrad ab und gehe eine Runde schwimmen. Es sind gerade mal 16°C oder 17°C und der Wind ist im Gegensatz zu gestern Abend stärker geworden. Ich springe in die Wellen und fühle mich frei.

6:30 Bei meiner Fahrt durch Kloster am Abend vorher habe ich am Hafen ein Toilette und Duschräume entdeckt. Vereinzelt sind bereits ein paar Touristen unterwegs, die mit der ersten Fähre in 20 Minuten für einen Tag aufs Festland fahren. Ich parke mein Fahrrad, suche mir zusammen, was ich brauche und gehe ausgiebig duschen.

7:30 Mittlerweile ist Hiddensee erwacht und sprudelt nur so vor buntem Treiben und Energie. Ich bin auf dem Weg zum Bäcker, der laut Rezensionen die besten Brötchen macht. Und ja, es ist wahr und ich kaufe direkt ein paar mehr für den Rest des Tages.

Mein Fahrrad steht unbeaufsichtigt und unangeschlossen für mindestens 20 Minuten am Hafen, meine Sachen sind zum trocknen aufgehängt und niemand kommt auch nur auf die Idee sich daran zu vergreifen. Die Menschen grüßen sich untereinander, wünschen mir Guten Appetit und einen angenehmen Tag. Es ist wie ein Paradies.

Entgegen meinem Vorhaben, die Fähre um 11.40 Uhr zurück nach Stralsund zu nehmen, bleibe ich noch den Rest des Tages auf der Insel, fahre mit dem Fahrrad umher, mache Mittagsschlaf am Strand und genieße die Sonne. Erst um 16.15 Uhr gehe ich an Bord der „MS Schaprode“ in Richtung Zingst und bin sehr dankbar für das nette und hilfsbereite Bordpersonal, die mir beim ent- als auch beladen meines Fahrrades helfen und mich mit vielen guten Wünschen um 19.45 Uhr vom Schiff gehen lassen.

Die Ankunft in Zingst ist nach den ruhigen und erholsamen Stunden auf Hiddensee wie eine Art Kultuschock. So viele Menschen, Kindergeschrei, laute Musik – pure Reizüberflutung und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, das Rauschen des Meeres nur noch erahnen zu können.

Mittwoch, 21.06.2017

Ich habe hervorragend geschlafen. „Meißner’s Sonnencamp“ liegt kurz vor Prerow direkt an der Ostsee. Es ist so wunderschön mit dem Rauschen des Meeres im Ohr einzuschlafen und davon geweckt zu werden. Mein erster Gang führt mich zum Strand und ins kühle Nass. Bei den mal wieder nur 17°C Außentemperatur fühlt sich das Wasser nach ein paar Minuten fast an wie Badewanne. Ich bin motiviert und freue mich auf den Tag. Es sind etwa 65 Kilometer bis ins Zentrum von Rostsock und der Großteil des Weges führt direkt and er Ostseeküste lang.

Die Radwege sind gut ausgebaut und lassen sich überwiegend gut fahren. Der Ausblick auf den Bodden ist der Wahnsinn und ich genieße die Fahrt auf dem Deich. Es ist extrem windig, doch leider kann ich dies nicht für mich nutzen, dafür fahre ich in die flasche Richtung. Nun ja, man kann eben nicht alles haben. Bei dem Wind bin ich auf jeden Fall sehr dankbar über mein Gepäck, denn sobald der Wind sich dreht und von der Seite kommt, kommen auch die Radfahrer vor mir immer etwas ins schlenkern, doch ich sitze sicher auf meinen 50 kg Gepäck und kann so schnell nicht vom Sattel gepustet werden.

Das Fahren heute macht richtig Spaß, zur Linken den Bodden, zur Rechten die Ostsee und wenn man das Meer nicht sehen kann, hören tue ich es die ganz Zeit. Es ist fast ein bisschen traurig, das ich in Graal-Müritz wieder Richtung “Innenland” fahre und mich bis nach Rostock von der Ostsee entferne. Ich werde entlang der Landstraßen wie aus einer Art Trance gerissen, nutze die gut asphaltierten Wege jedoch um im Endspurt noch einmal richitig Gas zu geben, rieche die Erdbeerfelder und freue mich auf eine neue Stadt und neue Menschen.

Rostock wirkt im ersten Moment sehr industriell, kühl und distanziert. Doch man sollte sich eben nicht immer auf den ersten Eindruck verlassen. Auf meiner Strecke Richtung WG komme ich am Standhafen vorbei, ein Staffellauf findet statt und ich bin so perplex, dass ich aufpassen muss niemanden umzufahren. Weg vom Stadthafen, rein in die alternative Tor-Vorstadt findet an jeder Ecke Live-Musik statt. Ich bin überrascht, im positiven Sinne. Die Sonne scheint, die Menschen lachen und ich werde um 19.40 Uhr herzlichst im Hinterhof von zwei Hündinnen und Moni begrüßt.

Meine Erwartung an Rostock? Mhhh, witziger Weiser habe ich keine.

Ein paar Impressionen