“Es ist zwar etwas teurer hier, dafür ist man unter sich…” (Die Ärzte “Westerland”)
Ach ja, wie oft habe ich diesen Song mitgesungen habe, meist im Refrain umgedichtet auf die Ostsee, denn bis zum heutigen Tag war ich noch nie in Westerland, noch nie auf Sylt.

Wir können auch dekadent

Im Vorfeld haben wir via booking.com ein Hotelzimmer für zwei Nächte inklusive Frühstück gebucht, ganz nach der Devise: Wir können uns ruhig auch mal was gönnen. Das Hotel “Villa Klasen” liegt Mitten im Herzen von Wenningstedt auf Sylt und ist nur etwa zwei Minuten vom Strand entfernt. Wir werden von der Inhaberin Jenny Opderbeck am Montagabend bereits erwartet und freudigst begrüßt, das Zimmer ist bezugsfertig und ein Platz für die Fahrrad ist auch hinter dem Haus. Wir haben eine besondere Bitte: Da ich es, ganz beherrscht von meiner Schuseligkeit, geschafft habe das Display meines Handys in seine Einzelteile zu zerlegen, war an eine Weiterfahrt in diesem Zustand nicht zu denken. Aus diesem Grund musste ich das Handy nach Kiel zur Reperatur bringen und lasse es mir nun nach Sylt nachschicken. Das heißt, wir erwarten Post und es kann sein, dass wir gerne ein Nacht länger bleiben würden/müssen, da der Zeitraum im Moment sehr knapp bemessen ist.

Und tatsächlich, das Handy geht verspätet in den Versand und es ist außerdem aktuell nicht klar, wie lange es etwa dauern wird, um im Hotel anzukommen. Denn im Sommer ist das mit der Inselpost so eine Sache bei der Masse an Post, die an Sasion-”Bewohner” geht und von den Urlaubern aufs Festland gesendet wird. Zwar zwingt es uns, die geplante Überfahrt nach Dänemark zu verschieben, aber wir verbringen die Zeit ganz auf Kurs Richtung Erholung. Gemütlich auf dem Fahrrad die Insel erkunden, in der Sansibar Erdbeer-Bowle schlürfen, die zwei sonnigen Tage nur am Strand rumliegen und die angenehmen Temperaturen der Nordsee genießen, den Ausklang am Abend dann bei einem ausgiebigen Essen und einer Flasche Wein. Eins ist klar, zwei Wochen Urlaub könnten wir uns hier aktuell nicht leisten, aber ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das wollen würde. Denn zwar stimmt es, dass es teurer ist, aber unter sich ist man hier schon lange nicht mehr. In Westerland kuschelt ein Hotelkomplex mit dem nächsten und die Radwege sind innerhalb der Orte sehr überfüllt.

Ab in den Süden

Zum Glück lichtet sich das Radfahrerfeld auf den Radwegen durch die Dünen und wir genießen Ruhe und Landschaft. Und das muss man Sylt lassen, die Landschaft ist wirklich der Wahnsinn. Die Dünen erstrecken sich wie kleine Berge in die Lüfte und und gibt mir, durch die meist eher braun-dunkelgrüne Vegetation, das Gefühl ganz woanders, aber definitiv micht mehr in Deutschland zu sein. Ich atme die salzig Nordseeluft in mich ein, lasse meinen Blick schweifen und denke an nichts.

Insgesamt sind wir an dem Tag gute 48 Kilometer auf dem südlichen Teil der Insel unterwegs, lasse hier und da an den Stränden die Seele baumeln und saugen die Umgebung in uns auf.

Doch neben all dem Sonnenschein, kann ich manchmal auch eine kleine Gewitterwolke sein. Denn nach 31 Tagen alleine auf dem Fahrrad ist es sehr wohl eine Umstellung für mich auf einmal zu zweit zu sein. Ich entscheide nicht mehr alleine, wo ich lang fahre, wo und wie oft ich anhalte und wie ich meinen Tag und Abend gestaltet. Und ja, das kann durchaus Reibungen verursachen, doch andererseits ist es sehr schön, die Momente mit jemandem teilen zu können, der auch über die Tour hinaus Bestandteil meines Lebens ist.

Dem Norden entgegen

Da das Paket weiterhin auf sich warten lässt, wechseln wir vom Hotelzimmer mit eigenem Bad, (für meinen Geschmack) zu weichen Betten und jeden Tag fertigem Frühstück auf den Campingplatz Wennningstedt-Braderup, wo unser Zelt direkt hinter den Dünen liegt und der Rasen in “unserem Vorgarten” exakt auf Kante geschnitten ist. Der Weg vom Campingplatz an den Strand führt direkt durch das Naturschutzgebiet und gibt mir wieder einmal das Gefühl an einem völlig fernen Ort zu sein. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen am Strand. Und genau das ist einer der Momente, die ich in den letzten Wochen des öfteren gern mit jemandem geteilt hätte. Nun kann ich es endlich, zumindest für einen kurzen Augenblick.

Um den heutigen Tag sinnvoll zu nutzen und nicht aus dem Traininig zu kommen, erkunden wir den Norden der Insel, selbvertsändlich mit dem Fahrrad. Tagesziel: die komplette Nordrunde auf den “Ellenbogen” von Sylt und anschließend nach List, um schon einmal zu schauen, wo genau dann eigentlich unsere Fähre abfährt. Hier im Norden der Insel verlaufen sich die Touristenmaßen etwas mehr und man ist wieder mehr “unter sich”. Ich bin jede Minuten aufs Neue beeindruckt von der Natur und dem Radweg, der uns mitten durch dieses Naturschutzgebiet führt, umso wütender macht es mich, am Wegesrand immer mal wieder Müll zu entdecken, obwohl gefühlt alle 100 Meter ein Mülleimer wartet. Verdammt nochmal Leute, wir sind hier nur Gast und haben das PRIVILEG diese Landschaft zu genießen und für einen kurzen Zeitraum ein Teil von ihr zu sein.

Auf dem Ellenbogen ist es fast Menschenleer, so scheint es zumindest. Die Schafe haben hier die Oberhand, das ist ihr Terrain und wir können sie in ihrem natürlichen Lebensraum, ganz nah erleben. Schafe sind schon echt ulkig. Ich genieße die Ruhe, plötzlich erreicht mich eine SMS: “Willkommen in Dänemark”. Laut meinem Telefonanbieter befinde ich mich bereits außerhalb Deutschlands und tatsächlich liegt der nordliche Teil von Sylt oberhalb der deutsch-dänischen-Grenze und ich sitze an einem Strand, an dem bereits die Wellen des dänischen Fahrwasser brechen. In mir steigt die Vorfreude und es ist wie eine Erlösung als mein Handy ein weiteres Mal klingelt und die Rezeption der Villa Klasen dran ist: Das Handy ist da! Das heißt, morgen geht es endlich ohne Umschweife und weitere Verzögerungen nach Rømø.

Tschüß Deutschland!

Ein paar Impressionen