Als ich am Freitag in Hamburg starten möchte regnet es in strömen, der Himmel ist grau und es scheint nicht wirklich hell werden zu wollen. Ich enschließe mich den Nachmittag lieber noch einmal am Millerntor zu verbringen und später mit dem Zug nach Flensburg zu fahren.

WG-Leben und Bier-Pong

Ich erreiche den Flensburger Bahnhof um 21.42 Uhr. Mit dem Fahrrad benötige ich etwa 10 Minuten bis zur WG von Marcel, in welcher ich die nächsten Tage untergebracht bin. Während ich durch die Fußgängerzone fahre, kommt es mir vor, als wäre es Ende Oktober, Anfang November. Es nieselt Bindfäden und leichter Nebel liegt über der Straße.

Ich werde bereits in der gemütlichen 5er-Wg erwartet und für das Abendprogramm ist auch schon gesorgt: WG-Studenten-Party. Na dann nichts wie los, denn wie lernt man eine Stadt besser kennen als über die Menschen, die dort leben.


Basisdaten

Name: Roter Stern Flensburg
Sitz: Flensburg, Schleswig-Holstein
Gründung: 2009
Mitglieder: ca. 100
Abteilungen: 6
Besonderheit: Abteilung Hulahoop
Kontakt und Infos:

Ich lerne Crusty kennen, sie ist von Roter Stern Flensburg, ebenso wie Marcel, und gehört einer ganz besonders ausgefallenen Gruppe/Abteilung im Verein an: Hulahoop! Sie erzählt mir, dass die Idee dazu bei einem Straßenfest entstanden ist und mittlerweile hat die Abteilung 17 eingetragene Mitglieder.
Abgesehen von diesem Gespräch schleppe ich mich mehr oder weniger durch den Abend, zwar sind alle nett zu mir, aber ich bin irgendwie noch nicht mental in Flenburg angekommen. Aus diesem Grund bin ich nicht allzu böse, als wir verhältnismäßig früh die Party verlassen, um für das morgige Fußballtunier fit zu sein.

Fußballspielen für eine bessere Welt

Pünktlich zum Anpfiff das 1. Solidaritäts-Cup in Flensburg um 11.00 Uhr lichten sich die dunklen Wolken und wir werden mit strahlendem Sonnenschein auf die Felder gelockt. Ich spiele gemeinsam mit Roter Stern Flensburg auf dem Feld und bin ein wenig aufgeregt. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich selber Fußball gespielt habe und ich habe das Problem, ich habe Sorge. Sorge, dass zu viel von mir erwartet wird beziehungsweise ich Erwartungen nicht gerecht werden kann. Aus diesem Grund verstecke ich mich mehr hinter der Kamera um Fotos zu machen, als auf dem Feld mit zu agieren. Vielleicht schieße ich mich dadurch auch selber ein bisschen ins Aus, denn so wirklich komme ich immer noch nicht in Flensburg und bei “meinem” Team an.

Jedoch sollen diese emotionalen Befindlichkeiten in keinster Weise das übeschatten, worum es eigentlich geht: um Fußball, um Solidarität, um Zusammenhalt und darum unsere Welt für einen kleinen Moment etwas besser zu machen.

Das Tunier findet dieses Jahr zum ersten Mal unter dem Namen “Solidaritäts-Cup” statt, aber das Konzept hat sich bereits vor 33 Jahren in Flensburg etabliert als Nicaraguacup, der bis letztes Jahr an Beliebheit so zugenommen hat, dass diese Beliebtheit letztendlich auch der Grund für die Namensänderung war. “Leider war der Cup irgendwann sehr bekannt und es gab einige Teams, die sich nicht angemeldet haben, um den solidarischen Hintergrund zu unterstützen, sondern es nur als Möglichkeit sahen, sich zu profilieren. Das hat den Spirit des Tuniers in den letzten Jahr arg kaputt gemacht und Teams, wie uns, den Spaß genommen”, erzählt mir Johannes, Vorsitzender von Roter Stern Flensburg. Mit dem neuen Namen, kam auch eine Änderung, die diese Entwicklung dieses Mal im Vorfeld eindemmen soll: es gibt keine freie Anmeldung mehr für das Tunier, sondern es werden Verein, Initiativen und Organisationen eingeladen, die sich ebenso wie der beispielsweise Roter Stern Flensburg engagieren. Was sich nicht ändern wird: das Kicken für die gute Sache. Viele haben Kuchen mitgebracht, es gibt belegte Brötchen, selbstgemachten Mexikaner und Musik. Alle Einnahmen, von der Tasse Kaffe bis hin zur Startgebühr kommen einem gemeinnützigen Projekt zu gute. Dieses Jahr sind es “Feuerwehr für Rojava” und “Eine Schule für Kobane”.

Organisiert wird das Ganze von keinem festem Verein, sondern Sport- und Fußballbegeisterten, die gerne etwas mehr Miteinander in unsere Welt bringen wollen. Dazu gehören unter anderem Mitglieder von Roter Stern Flensburg und Foerdebande. Die Teilnehmer sind sehr durchmischt und es ist sehr schön, auch einige Teams mit Migrationshintergrund dabei zu haben, zum Beispiel den FC Lampedusa aus Hamburg, der im Herzen von St. Pauli entstanden ist. Bereits in Hamburg habe ich viel über diesen Verein gehört und über den uneingeschränkten Einsatz derer, die sich um die kickenden Jungs kümmern, egal ob Behördengänge, Training oder eine Auswärtsfahrt wie heute nach Flensburg.

Am Ende gewinnt das Team Flüchtlingshilfe e.V. aus Flensburg. Wir freuen uns über unseren 3. Platz und die Bronzemedaille und verabreden uns mit den Stern-Mitgliedern anderer Teams für später.

Trotzdem ich nicht viel mitgespielt habe, bin ich sehr geschafft als wir wieder in der WG von Marcel ankommen und versuche etwas zur Ruhe zu kommen. So ganz gelingt es mir aber weiterhin nicht. Ich habe ein bisschen ds Gefühl, dass mir ein paar Tage allein zwischen Hamburg und Flensburg fehlen und ganz gut getan hätten. Bisher hatte ich mich in einen gute Rhytmus gefunden: 3 Tage auf dem Rad alleine, 3 Tage in einer Stadt umgeben von neuen EIndrücken und Menschen. Ich werde des Öfteren gefragt, ob es nicht langweilig ist, so ganz alleine zu fahren. Nein, überhaupt nicht. Denn genau diese Zeit nutze ich, um die Eindrücke, die neuen Menschen und die vielen Gespräche zu verarbeiten. Auch das Schreiben hilft mir dabei. Und dieses Mal fehlt mir genau diese Ruhe-Pause zwischen den Städten.

Heimatgefühl

Als wir gegen 23 Uhr “Die ganze Bäckerei” betreten, hat sich die Anspannung in mir etwas gelöst und ich komme schnell mit den verschiedensten Menschen ins Gespräch. Es geht um alles mögliche, auch meine Heimat Thüringen und zum Schluss erzählen Basti und ich uns peinlich-lustige Geschichten aus unserer Kindheit und Jugend. Ich bin entspannt, ausgelassen und falle später glücklich ins Bett und schlafe sofort ein.

Als ich Sonntag gegen Mittag die Augen öffne steigt allmählich die Aufregung: zum Einen geht es morgen nach Sylt, meine letzte Station in Deutschland. Und zum Anderen werde ich ab heute Abend für die nächsten 14 Tage nicht mehr alleine fahren. Um 18.42 Uhr hole ich meinen Freund Fabian am Bahnhof ab, es ist verrückt, dass wir uns vier Wochen nicht gesehen haben, aber auch schnell so, als wäre es gestern das letzte Mal gewesen. Jetzt werden sicherlich einige denken, dass es ja heute in Zeiten von Whatsapp und ständiger Erreichbarkeit bestimmt nicht schwierig ist den Kontakt aufrecht zu erhalten, aber was, wenn man eine Freund hat, der absolut nicht gerne telefoniert, Whatsapp auch eins, zwei Verständigungsprobleme mit sich bringt und es Momente gibt in denen es eben nicht reicht, einfach nur die Stimme eines vertrauten Menschen zu hören, sondern man auch mal eine Umarmung braucht. Aber genau das hat jetzt erst einmal ein Ende.