Manchmal ist es schon verrückt: da genießen wir das Alleinesein und fühlen uns erdrückt von Nähe, doch wenn die Nähe weg ist, scheinen wir auf einmal unglaublich einsam zu sein.
Zumindest ich für meinen Teil, habe gelernt, was es für mich heißt sich einsam zu fühlen – bis jetzt.

Endlich Dänemark

Es ist Samstag, der 08.07.2017 und die Sonne scheint. Ich bin aufgeregt und kann es kaum erwarten endlich das Zelt zusammen zu packen und Richtung List, im Norden von Sylt, zu starten. Heute ist es endlich soweit: Tschüß Deutschland, Hallo Dänemark! Die ersten Tage wird mich auch hier Fabian begleiten. Darüber bin ich ziemlich froh, obwohl ich manchmal merke, dass ich schon sehr im Alleine-Reisen-Modus angekommen bin, meinen Rhytmus habe und manchmal genervt bin, wenn ich auf ihn warten muss. Aber es ist ein gutes Gefühl den Schritt ins Ausland nicht alleine gehen zu müssen. Unsere erste Station ist nur eine 40-minütige Fährfahrt entfernt, heißt Rømø (deutsch: Röm) und wird am ersten Tag nicht allzu viel von uns abverlangen. Der ausgesuchte Zeltplatz ist nur etwa acht Kilometer vom Hafen entfernt und so strampeln wir entspannte 26 Kilometer von Nachtlager zu Nachtlager.

Wir genießen die Natur, das riesige Trampolin auf dem Campingplatz und wollen den Rest des Tages am Meer verbringen. “Einfach rechts rum, dann zwischen den Dünen durch, dann sind es noch etwa 1,1 Kilometer bis zum Wasser.” Okay, klingt nicht sonderlich schwer und einen Kilometer zwischen den Dünen verbringen, da gibt es bei Weitem schlimmeres.

Doch es ist anders als gedacht: Die Düne ist schnell überwunden und vor uns liegt 1,1 Kilometer Sand (!), das Wasser lässt sich erahnen und überall Autos. Was zur Hölle?! Von Fabians Schwager hatten wir bereits davon gehört, dass er vor 30 Jahren mit dem Auto am Strand lang fahren konnte, aber die Vorstellung, dass das heute noch so ist, fiel mir schwer. Und nun sehe ich es live und in Farbe und bin fast ein bisschen schockiert.

Der Sand unter unseren Füße ist festgefahren und an einigen Stellen sind es nur zertrümmerte Muschelteile, die aneinander kleben. Der lose Sand von den Dünen wird über die Asphalt ähnliche Fläche gepustet und erinnert ein wenig an Bilder, die ich von Wüstendünen vor Augen habe. Wir erreichen das Wasser, genießen die Wellen und wieder einmal bin ich dankbar, diesen Moment teilen zu können.

Ab aufs Festland

Der Sonntag wird etwas sportlicher: Geplant sind etwas über 80 Kilometer und das Ziel heißt Esbjerg. Die erste große Herausforderung: Fahren über den Deich. Während wir vom deutschen Festland nach Sylt mit dem Zug fahren mussten, ist der dänische Deich mit dem Auto befahrbar und hat sogar eine Spur extra für Radfahrer. Es ist noch etwas schwer vorstellbar für mich, wie die Windverhältnisse sein werden, und wie es ist rechts und links nichts als Wasser zu haben. Doch von wegen rechts und links nur Wasser: ich habe vergessen, dass aktuell noch Ebbe ist und so genießen wir den Ausblick auf das Wattenmeer.

Angekommen auf dem Festland peilen wir den Westküstenradweg an, der mich bis in den nördlichsten Züpfel nach Skagen führen soll. Der Radweg ist weit ab der Straße und führt mitten durch Felder und Wiesen. Wir fahren permanent im Windschatten der Dünen, steigen daher gelegentlich ab und müssen ein paar Meter laufen, um den Ausblick auf das Wasser zu erhaschen und um zu sehen, ob wir uns überhaupt fortbewegen, denn unser Weg nach Esbjerg führt 30 Kilometer einfach nur geradeaus, links die Düne, rechts die Felder, gelegentlich ein See, ein paar Schafe oder Kühe. Wenn wir auf der Düne stehen, können wir den riesigen Hafen von Esbjerg bereits sehen und die Inseln Manø und Fanø erahnen.
Sicherlich möchte ich mich keinesfalls beschweren, denn die Landschaft ist definitiv etwas fürs Auge und der Radweg wunderbar zu fahren, das dauerhafte Geradeaus-Gefahre wird nur leider irgendwann ermüdent. Umso schöner ist es, als wir Esbjerg erreichen, die Stadt durchqueren und am anderen Ende ein kurzes Päuschen bei dem “Mensch am Meer” einlegen. Die riesigen Betonstatuen starren aufs Meer und sind mittlerweile ein Wahrzeichen der Stadt. Bei gutem Wetter kann man bis zu 10 Kilometer weit sehen und so entdecken wir Fanø.

Inselrundfahrt Fanø

Wir finden einen etwas abgelegenen Zeltplatz außerhalb von Esbjerg. Es ist ruhig hier, etwas nostalgisch, aber sehr sauber und gepflegt. Und weil wir uns beide sehr wohlfühlen, die Zeit es hergibt und mir die Insel Fanø wärmstens empfohlen wurde, beschließen wir unser Nachtlager stehen zu lassen und einen Tag auf der Insel zu verbringen.

Es ist schon fast ein kleiner Kulturschock, wenn man den industriellen Hafen am Festland verlässt und keine 12 Minuten später in dem kleinen Örtchen Nordby wieder an Land geht.

Der Panorama-Radweg der Insel führt uns Richtung Süden durch die Wälder. Ich bin beeindruckt und fasziniert von der Natur, vor allem wenn man bedenkt, dass die Insel früher einmal eine Sandbank war. Und es zeigt mir, wie wichtig es ist, der Natur ihren Lauf zu lassen und ihr Freiraum zu geben, um sich zu entfalten. Umso nachdenklicher macht es mich, dass es auf der Insel fast so viele Ferienhäuser wie Einwohner gibt und wir an einigen Stellen vorbeikommen an denen wahrscheinlich weitere Touristenunterkünfte entstehen und Natur weichen muss. Angekommen im Süden genießen wir ein Tasse Kaffe und stärken uns bevor es ans Wattenmeer geht.

Das Wattenmeer erstreckt sich über 500 Kilometer Küste, entlang der Niederlande, Deutschland und Dänemark und gehört zu den Welterben. Umso überraschter bin ich, als wir an den Strand kommen und auch hier das Autofahren zum guten Ton gehört. Der Vorteil für uns: Wir kommen in den Genuss direkt am Strand entlang zu fahren und so die 11 Kilometer in den Norden zurückzulegen. Selbstverständlich nicht ohne eine Mini-Wattwanderung, denn der Sand auf Fanø ist so grobkörnig, dass das Watt fest genug ist, um uns zu tragen und man dort nicht versinkt. Sogar auf dem Watt sehen wir eine Gruppe Kinder mit Fahrrädern. Jedoch bleibt es bei der Mini-Tour, denn allmählich macht sich die Flut bemerkbar und das Wasser krabbelt Richtung Strand.

Also fahren wir der Sonne entgegen bis wir im Sand stecken bleiben und nehmen nach knapp sechs Stunden Inselrundfahrt die Fähre zurück Richtung Campingplatz.

Die Holmsland-Düne

Es hat in der Nacht angefangen zu regnen, das Außenzelt ist noch etwas nass und die grauen Wolken hängen über uns, in zweierlei Hinsicht. Doch das Wetter darf und sollte uns nicht beeinflussen, wir wollen weiter und hoffen, dass der Radweg entlang der Küste heute etwas abwechslungsreicher wird als an unserem ersten Tag und Satteln gemütlich unsere Drahtesel.

Nur an unserer Kommunikation müssen wir dringend arbeiten. Allmählich merken wir, dass wir bereits seit über einer Woche 24/7 aufeinander hocken und lediglich der Weg unter die Dusche oder aufs Klo ein bisschen Freiraum für jeden von uns ist. Wir starten schweigend in den Tag, jeder mit seinen Gedanken auf seinem Fahrrad, immer entlang der Westküstenroute.

Nach 40 Kilometer ist das Meer zum Greifen nah und wir befinden uns auf der “Holmsland-Klit” (Klit = Düne), eine Nehrung, die sich zwischen Nordsee und Ringkøbing Fjord befindet. Vor uns liegen 30 Kilometer Fahrspaß in den Dünen und eine atembraubende Landschaft. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, aber genau so ist. Wir fahren durch die Dünenlandschaft auf einer Düne und erreichen gegen 19.00 Uhr Søndervig, den nördlichsten Punkt der Nehrung, geschafft, aber glücklich. Ich selber habe es gar nicht mitbekommen, wie ich Gas gegeben habe, doch Fabian fällt erschöpft ins Gras “Heute hast du mich kaputt gespielt” Ich muss grinsen. Anscheinend stellt sich nach fast 6 Wochen Radfahren allmählich ein Trainingseffekt ein und ich werde schneller und ausdauernder.

Der Gegner heißt Gegenwind

Da das Fahren am vorangegangen Tag so viel Spaß gemacht hat, entschließen wir uns heute noch nicht Richtung Landesinnere zu fahren, sondern noch etwas die Küste zu genießen. Wir sind motiviert und guter Dinge, das geplante Ziel von etwa 85 Kilometern ohne Probleme zu meistern.

Als wir gegen 11.00 Uhr in Søndervig starten ist es bereits zügiger als die Tage vorher und die Luft etwas kühler, doch die Sonne scheint und an der Küste gehört der Wind ja quasi zum guten Ton. Wir verlassen uns ein wenig auf die Erfahrungen vom Vortag und hoffen auf den Windschatten der Düne. In Thorsminde legen wir die erste längere Rast ein und stärken uns am Hafen mit Fish’n’Chips. Der wind ist mittlerweile so stark, dass ich das Tablet mit unserem Essen mit beiden Händen festhalten muss und trotzdem Probleme habe nicht gleich alles auf meinem Oberkörper verteilt zu haben.

Allmählich wird der Wind auch sehr kühl und wir beginnen uns etwas wärmer anzuziehen, zum GLück, denn was hinter Thorsminden auf uns wartet hat mit einer gemütlichen Radtour nicht mehr viel zu tun. GEGENWIND. Und wenn ich schreibe GEGENwind, meine ich es diesmal auch. Meine Erfahrungen mit diesen Küstenwinden, die ich in Deutschland gemacht habe, sind aktuell ein Witz gegen die Wand aus Luft, die uns entgegenschlägt. Knapp 60 Minuten für zehn Kilometer, der Sand reibt sich wie Schmirkelpapier an unseren Wangen und meine Brille scheint allmählich Milchgläser zu tragen. Der Weg sturr geradeaus scheint kein Ende zu nehmen und neben uns donern die Autos entlang und versetzen mein Rad jedes Mal ins Straucheln, wenn sie zu nah vorbeifahren.

Runter von der Straße und durch die Felder und Wiesen nehmen wir ein kleinwenig Fahrt auf und haben das Gefühl wieder voran zu kommen. Bis es dann endlich soweit ist und sich vor unseren Augen das Meer auftut. Da ist keine Düne mehr, kein Kilometer langer Strand, nur noch unser Radweg direkt entlang der stürmischen Nordsee. Wir halten an und saugen den Moment in uns auf. Die Wellen zerschellen an der nahgelegenen Steilküste, der Wind tost so laut, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr verstehen, doch der Blick – einfach atemberaubend.

Als wir uns wieder aufs Rad schwingen habe ich das Gefühl nur noch damit beschäftigt zu sein, dass ich samt Fahruntersatz überhaupt stehen bleibe. Die Windböen haben mittlerweile eine Geschwindigkeit von etwa 84km/h und es fällt mir immer schwerer das Gleichgewicht zu halten. Nach knapp 2,5 Kilometern Kampf mit der Erdanziehungskraft und mittlerweile 7 Stunden Wettstreit mit den Himmelskräften gebe ich auf! Ich kann nicht mehr, die Beine schmerzen und mir bleibt im Moment nichts anderes übrig als mein Fahrrad zu schieben.

Wir schlagen unser Nachtlager in Bovbjerg auf, gefühlt absolut fern der Zivilisation: kein Supermarkt, kein Restaurant, kein Mensch auf der Straße. Nur wir auf dem Weg zum einzigen Zeltplatz in den nächsten 25 Kilometern und so endet die Tour nach 60 Tageskilometern.

Stolz sind wir trotzdem und werden an dem Abend mit einem wundervoll-windigen Sonnenuntergang belohnt.

Heimatgefühl

Da Fabian spätestens Samstag wieder zurück nach Deutschland muss, verabschieden wir uns nach einer schaukeligen Fährtfahrt nach Agger und den ersten 15 Kilometern Nationalpark Thy zunächst vom Westküstenradweg und fahren nach Thisted, der Stadt! Das ist wichtig zu erwähnen, denn die Stadt, sehr klein und direkt am Thisted Bredning, zählt nur etwa 12.000 Einwohner, während die Gemeinde Thisted 40.000 Menschen beherbergt und bis an die Küste reicht.

Wir haben für die nächsten beiden Nächte ein Zimmer im B&B Langagergaard etwa 3,3 Kilometer vom Zentrum entfernt. Doch anders als in Deutschland ist der nächste Supermarkt und die gemütliche Kneipe etwas weiter weg, denn das wunderschöne Anwesen von Ketty und Thomas liegt mitten in den Feldern der Gemeinde Thisted. Müde und geschafft kommen wir gegen 18.30 Uhr irgendwo im Nirgendwo hungrig an und freuen uns zunächst auf die wohlverdiente Dusche.

Ketty gibt uns eine kleine Hausführung und wir fühlen uns sofort wohl. Das ehemalige Kinderheim bietet Platz für 14 Personen, ist sehr stilvoll, modern und trotzdem warm und gemütlich eingrichtet, vom Fußboden kann man wahrscheinlich essen und die Gastgeber sind Menschen mit Herz. Ketty sieht uns unsere Verzweiflung an als sie uns erklärt, dass der nächste Supermarkt etwa 2,5 Kilometer entfernt ist. Mh, da stehen wir nun, angekommen an einem wunderschönen Ort, wo man gerne mal die Beine hochlegt, aber ohne Verpflegung, denn eigentlich war heute mal ein Auswärtsessen geplant, nach dem fünf Tage Nudeln hinter uns liegen. Egal, erstmal duschen.

Und als ich bereit zum Ausflug bin, überrascht uns Thomas: “Damit ihr nicht nochmal losfahren müsst: Hier ein paar Nudeln, Tomatensauce und Würstchen, wenn ihr wollt!?” Und wir wollen, denn der Hunger ist groß und der Bewgungsdrang eher gering.
“Naja, irgendwie freue ich mich jetzt schon aufs Essen, schließlich sind es heute ausnahmsweise mal Spaghetti”, grinst Fabian, während ich uns ein kühles Bier aus dem Kühlschrank hole, denn der deutsche Auswanderer und seine dänische Frau haben an alles gedacht.
So verbringen wir unsere letzten zwei gemeinsamen Abende in gemütlichen Betten, einer Umgebung, die zum Verweilen einlädt und fühlen uns ein bisschen wie Zuhause.

Mit dem Abschied kommt die Einsamkeit

Und nach Hause muss Fabian nun auch wieder. Die 14 Tagen sind verflogen und kommen mir vor wie vier vielleicht fünf Tage. Wir starten gemeinsam zum Bahnhof nach Thisted. Während der Fahrt merke ich wie der Klos im Hals immer größer wird und angekommen am Bahngleis kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Natürlich habe ich mich über ihn aufgeregt, natürlich hatten wir Auseinandersetzungen, waren nicht immer einer Meinung und mussten auch mal Kompromisse eingehen, nichts desto trotz war es so schön das Reisen und die einzigartigen Momente teilen zu können.

Nun heißt es wieder Einzelkämpferin und während ich dem Zug nachschaue, fühle ich mich das erste Mal so richtig einsam. Und mit diesem etwas beklemmenden und auch traurigen Gefühl starte ich Richtung Klitmøller aka “Cold Hawaii” …