“I can see clearly now the rain is gone” – Jimmy Cliff

Klitmøller aka “Cold Hawaii”

Die Sonne scheint, es sind angenehme 17-18°C und ich fahre entlang riesiger Seen, endlos scheinenden grünen Feldern, mitten durch den Nationalpark Thy. Mein Kopf ist leer und im gleichen Moment überschlagen sich die Gedanken. Ich fühle mich alleine. Immer wieder sag ich mir “Schau welch wundervolle Landschaft dich umgibt, schau wie weit du schon gekommen bist und was noch alles Wunderbares vor dir liegt” und gleichzeitig stelle ich mir die Frage, was ist es denn wert, wenn ich es nicht teilen kann?

Auch wenn ich anfangs nicht gedacht hätte, habe ich mich sehr schnell an das Reisen zu zweit gewöhnt und nun wieder Einzelkämperin zu sein fällt mir schwer. Außerdem merke ich wie sehr es mir fehlt einfach jemanden anzurufen und mich für den Nachmittag auf eine ausgiebige Tasse Kaffe an diesen wunderschönen Orten zu verabreden. Ich denke an all die wundervollen Menschen in Leipzig und meiner Heimat, im Süden bis Norden der Republik, denke an den vergangenen Sommer, die Festivals, die Tage am See und mir steigen die Tränen in die Augen.

Meine Fahrt heute ist nicht lang, aber ausreichend. Gegen 15.30 Uhr erreiche den Campingplatz in Klitmøller, stelle meine Zelt auf, genieße eine kurze Dusche und sehe zu das ich schnellstmöglich zum Strand komme. Einfach ein bisschen sitzen und schauen, die Gedanken schweifen lassen und mich auf Island freuen, die Insel irgendwo fern da draußen im Nordatlantik.

Ich bin überwältigt, überrascht und irritiert zugleich als ich den Strand erreiche, denn auf der anderen Seite der Düne erhebt sich ein Feld aus Bunkern, welche aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges vor sich hin vegetieren. Ich lege meine Sachen ab und verschaffe mir einen ersten Eindruck. Ich bin beeindruckt, aber merke auch, wie diese ruhig und harmlos im Sand versinkenden Betonklötzer mir ein leichten Schauer über den Rücken jagen, wenn mein Blick in die dunklen Eingänge und Treppen fällt. Der Vorteil: sie bieten eine perfekten Platz mit Sicht auf die Surfer und auf die Weiten des Wassers. Die Wellen tanzen, der Wind bläst meine Gedanken für einen Moment fort und da bin einfach nur ich… in Cold Hawaii.

Gegen Abend habe ich auch Zeltnachbarn. Wir lächeln uns an. Ich habe immer noch etwas verquollene Augen vom Weinen und möchte nur unter die Duschen. Wasser hilft. Immer. Wasser ist Energie!
Als ich zurück komme werde ich angesprochen: “Du sprichst deutsch?! Hast du Lust einen Kaffe mit uns zu trinken?” Ich weiß nicht, ob man den innerlichen Befreiungsseufzer hört… selbstverständlich willige ich ein und 10 Minuten später lerne ich Katja und Dani aus der Schweiz kennen, die gemeinsam mit ihrer Tochter gerade in ihrem jährlichen Dänemark-Urlaub sind und aus der Richtung kommen, in die ich möchte. Wir sitzen lange zusammen und werden eher vom beginnenden Schauer statt von der Langeweile ins Bett getrieben, denn an Gesprächsstoff mangelt es nicht.

Als ich in meinem Schlafsack liege und den Regentropfen auf meiner Zeltwand lausche, lächel ich. Ich bin dankbar. Dankbar für die Reise, für das fantastische Wetter und dafür, dass ich während der letzten Wochen immer wieder offene, hilfsbereite und wundervolle Menschen wie die drei Schweizer kennenlerne. Der Abend war Balsam für die Seele.


Basisdaten

Name: Warum Cold Hawaii?

Warum “Cold Hawaii”?

Klitmøller und seine wundervollen Wellen sind einzigartig und DAS Surferparadies in Nordeuropa. Von überall her kommen die Wellenreiter, um die perfekten Wasserbedingungen zu genießen, anfangs sehr zum Leidwesen der Einheimischen. Mittlerweile hat man sich damit abgefunden und lebt vom Tourismus. Wassersportler nehmen den Weg gerne auf sich, denn es ist wie Hawaii, nur eben ein bisschen kälter 😉

Kontakt und Infos:

Wenn der Körper nicht mehr will…

Was mit leichten Kopfschmerzen und einem Krabbeln im Hals beginnt, ist Mitte Woche eine angehende Sommergrippe. Geplagt von Fieber, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen schaffe ich es zwei Tage kaum aus meinem Zelt. Ich bin müde, der Gang zur Gemeinschaftsküche, um mir einen Tee zu kochen, ist mir meist zu viel. Ich besorge mir viel Wasser und vertraue anfangs auf meine Reiseapotheke. Statt Besserung erreiche ich jedoch allmählich den Zenit und bin am Ende meiner Kräfte: der Körper will nicht mehr und mit dem Kranksein kommen die Zweifel, das Vermissen wird noch schlimmer und auf einmal scheint alles eine Nummer zu groß für mich. Ich bin am zweifeln, fühle mich einsam, schlafe schlecht und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, um mich selbst zu motivieren und mich zurück zu kämpfen.

Es erreichen mich unzählige Nachrichten, Kommentare und Feedback – und es löst so viel in mir aus. Ständig steigen mir die Tränen in die Augen, und so lasse ich es regnen, denn wenn die Wolken leer sind werden sie kleiner.

Und genauso ist es.

Der erste Schritt: raus aus dem Zelt. Ich habe mir für die nächsten drei Nächte via Airbnb ein Zimmer gebucht, denn in einem richtigen Bett geht es mit der Genesung bestimmt besser.

Und es wird Zeit Blokhus und die negativen Gedanken hinter mir zu lassen und nach vorne zu schauen.

Endlich wieder genießen

Von den weichen Federn und einer heißen Dusche trennen mich 40 Kilometer. Das Wetter ist angenehm, zwar etwas bewölkt dafür windstill. Der Westküstenradweg führt mich direkt an den Strand von Blokhus und die nächsten 16 Kilometer ist das Wasser mein direkter Begleiter, nur einen Fuß breit neben mir. Wie immer bin ich fasziniert und schockiert zugleich von der Vielzahl der Autos am Strand. Doch ich genieße die Aussicht und den Klang meiner Umgebung, der so einnehmend ist, dass man bei geschlossenen Augen denken könnte, man wäre mit den Wellen alleine.

Bevor ich mich von der Küste verabschiede mache ich einen Abstecher nach Rubjerg Knude und besuche einen Leuchtturm der besonderen Art. 23 Meter hoch, wurde er um 1900 mit einer Entfernung von 200 Meter fern dem Meer gebaut. Doch die Gezeiten, die Strömung und die Umgebung haben anders vor. Mittlerweile steht der kleine Weiße in mitten einer Sandwüste aus Dünen direkt an den Klippen. Jedes Jahr frisst das Wasser etwa 2 Meter an diesem Strandabschnitt und sich somit immer weiter ins Landesinnere. Was das für den Leuchtturm heißt? Aussicht genießen und 2020 würdevoll in die Wellen fallen, denn genau das wird passieren. Auf Grund der besonderen Strömungen in dieser Gegend ist der Prozess auch nicht aufzuhalten, höchstens zu verlangsamen, um ein paar Jahre.

Und genauso faszinierend wie diese Tatsache ist auch die Landschaft von Rubjerg Knude, denn während man auf der Straße rechts und links von Feldern und Wäldern umgeben ist, wartet hinter dem Grün eine Wüste aus gewaltigen Sandbergen.

In der Welt Zuhause

Noch drei Tage sind es bis zu Abfahrt nach Island und den Färöer Inseln, und ich gebe mein Bestes, um gesund zu werden. Was dabei hilft? Wohlfühlen! Und das tue ich mich allmählich wieder. Die nächsten beiden Nächte verbringe ich zwischen Hirtshals und Hjørring bei Dean. Er hat gerade Besuch von seinem Schwiegersohn und den drei Enkelkindern und mittendrin ich. Das Gewusel macht das Häuschen mit Ausblick gleich noch etwas wohnlicher und Dean macht es mir sehr leicht: “Fühl dich wie Zuhause, nimm dir was du brauchst und werde schnell wieder gesund.” Die Abende mit Dean sind lang und gefüllt mit Gesprächen über das Leben. Es war ein Glücksgriff bei ihm zu landen, denn er hat ein großes (und teures!) Hobby: Autos, da darf die Corvette und ein Mustang in der Garage nicht fehlen! Der Vorteil für mich: es ist auch eine Luftdruckmaschine im Haus und so nutze ich den sonnnigen Donnerstag vor meiner Abfahrt, um meine Black Pearl zu reiningen ud vor allem die Kette von Sand- und Salzablagerungen zu befreien. Ich bin schon ein klein wenig stolz, als sie wieder wie neu vor mir steht kann es kaum erwarten, endlich weiterzureiten. Und auch ein Benzinkanister zaubert er aus dem Kofferraum und so schaffe ich es endlich meinen Benzinkocher aufzufüllen udn vor Island noch einmal zu testen. Allein dieser kleine Schritt hilft mir dabei, die negativen Gedanken und Zweifel abzuschütteln.

Und auch mein letzter Abend in Dänemark ist alles andere als einsam. Annelise und Frank empfangen mich offen und herzlich und laden mich ein mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. Ich besorge eine Flasche Wein als Dankeschön und tauche mit den beiden ab in die Welt des Reisens, warum es schön ist AirB’nB zu nutzen und was es noch alles zu entdecken gibt. Wir stellen fest, so lange wir arbeiten, werden wir es wohl niemals schaffen, all das Schöne, Interessante und Einzigartige dieser Welt zu entdecken.

Focus Richtung Abenteuer

Ich habe ruhig geschlafen, doch nun, da der Tag der Abfahrt da ist, bin ich aufgeregt…und wie! Heide witzka! Ich versuche gelassen zu bleiben, frühstücke ausgiebig und packe in aller Ruhe meine Sachen. Da es mit der Luft noch immer ein wenig schwer ist, entschließe ich mich mit dem Zug nach Hirtshals zu fahren, um entspannt und pünktlich am Hafen anzukommen.

Und nun stehe ich da, vor mir die riesengroße Norrøna, die Fähre der Smyril Line, die mich nun hinaus in den Nordatlantik bringen wir. Ich bin voller Vorfreude, Energie und Neugier und kann es kaum erwarten, die für mich unbekannte Welt endlich mit eigenen Augen zu sehen und ihre Wunder zu erleben.