Man sollte regelmäßig etwas tun, was man noch nie getan hat. Das hält den Geist wach, lässt einen über sich selbst hinaus wachsen und zeigt einem die Schönheit der Vielfalt.

Eine Busfahrt die ist lustig…

Zwischen meinem Ziel Isafjördur in den Westfjorden und Akureyri, meinem aktuellen Aufenthaltsort, liegen 691 Kilometer. Das bedeutet für mich zwei Tage unterwegs mit Bus, Fähre und selbstverständlich meiner Black Pearl. Island ist im Großen und Ganzen schon sehr radfahrerfreundlich und auch wenn man es nicht vermuten würde, der Radtourismus boomt. Umso überraschender ist es, dass die Mitnahme des Rades mit den öffentlichen Bussen im Normalfall kein Problem ist und die Isländer in dieser Hinsicht auch sehr lösungsorientiert denken. An diesem Morgen sind wir insgesamt fünf Radreisende, die in Richtung Reykjavik aufbrechen, vier Räder passen auf den Gepäckträger – und Rad Nummer fünf? Ich denke heute sehr pragmatisch: Wer zuerst kommt, malt zuerst und lasse mich auf keine Diskussionen ein, als der Busfahrer verkündet nur vier von uns mitzunehmen. Ich möchte vorankommen, weg aus dieser Stadt, in der Hoffnung in Isafjördur etwas Ruhe zu finden und mich heimisch zu fühlen.

Diese Hoffnung ist nicht ganz unbegründet, denn im Hafen der 2.500 Seelen-Stadt liegt die “Freikerl“, ein Segelboot mit Leipziger Herzen: Uwe, der Papa von Livia, welche einer meiner wertvollsten Menschen in meinem Leben ist, und seine Frau Anke sind Anfang Mai in See gestochen und erkunden nun die Weiten der Meere. Schon seit längerem will Livia, dass ich die beiden kennen lerne und nun, etwa 3.500 km von Zuhause entfernt, ist es endlich soweit. Ich bin aufgeregt und kann es kaum erwarten in den abgelegenen Fjorden anzukommen. Doch das dauert noch eine Weile.

Je weiter ich mich Richtung Nordwesten vorarbeite, desto kleiner werden die Busse und umso abenteuerlicher die Anbringung meines Wegbegleiters. Ich bin immer wieder überwältigt von der Landschaft, versinke in meinen Gedanken und lasse die Zeit einfach vorbeiziehen. Am Abend und bei schönster Abendsonne erreiche ich Stykkisholmur. Vom Zeltplatz aus habe ich einen wundervollen Blick auf den Hafen und das örtliche Fußballstadion und wie es der Zufall so will, ist gerade Anpfiff. Also genieße ich das Abendessen mit Blick auf das Spiel und bin in Gedanken bei den lieben Menschen, denen ich bei Heimspielen begegne und denke an die Stadionstimmung, wenn ich die Boys in Brown in Hamburg anfeuere.

Irgendwo im Nirgendwo

Der Wecker klingelt früh an diesem Morgen, denn bereits um 8.30 Uhr muss ich auf der Fähre sein. Doch ich merke, und bin mal wieder überrascht, wie routiniert ich im Packen und Zelt zusammenbauen geworden bin und habe mehr als genug Zeit, um in Ruhe zu frühstücken und bei der Fahrt zum Hafen auch mal nach Links und Rechts zu schauen. Der Himmel ist grau und die Luft kalt, doch die Fähre so überfüllt, dass ich mir draußen ein Plätzchen suche – und ich bin sehr froh darüber, denn auch auf dem Wasser ist Island so wundervoll schön, dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst hinsehen soll. Wir umfahren viele, viele kleine Inseln, die größtenteils unbewohnt sind und als Brutstädte für die angesiedelten Robben dienen.

Wir erreichen Brjanslaekur mit einer Verspätung von 20 Minuten, der erste Moment, in dem ich dankbar bin am Morgen noch das kleine Busunternehmen angerufen zu haben, um Bescheid zu geben, dass ich mitfahren möchte, denn in den Westfjorden fahren die Busse nur zwei oder drei Mal in der Woche und können maximal zehn Leute und zwei Fahrräder transportieren. Der zweite dankbare Moment lässt nicht lange auf sich warten, denn niemand kann die Fähre verlassen. Der Fahrer vom ersten Auto fehlt und lässt uns alle geschlagene 10 Minuten warten.

Der Bus startet mit mir und zwei Franzosen mit 30 Minuten Verspätung und bereits nach den ersten zehn Kilometern wird mir klar, warum hier nicht so oft Bus gefahren wird und ich bin ein weiteres Mal dankbar, diesmal allerdings dafür, dass ich mich entschlossen habe nicht mit dem Fahrrad durch die Westfjorde zu fahren. Die Straßen sind schmal und führen uns Berge hoch und wieder runter, immer Nahe der Kante ohne Leitplanke oder Zäune am Rand. Bei Gegenverkehr rutscht mir jedes Mal aufs neue das Herz in die Hose und ich möchte einfach nur die Augen schließen. Doch ich kann meinen Blick nicht entziehen, denn wenn ich denke, es könnte nicht noch atemberaubender sein, belehrt mich die nächste Kurve eines Besseren. Die Landschaft hier ist noch einmal anders als das, was ich bisher gesehen und erlebt habe. Weit und Breit keine Bevölkerung, nur diese eine Straße und Hunderte von Kilometer unberührte Natur. Wir machen einen Aufenthalt am Dynjandin-Wasserfall. Er liegt vor mir in 150 Metern Höhe und besteht aus 60 kleinen Wasserfällen, von denen ich immerhin fünf in der kurzen Zeit bestaunen kann. Vor mir stürzen unzählbare Liter von klarem Wasser in die Tiefe, die hinter mir in einer wundervollen Bucht zusammenfließen und schließlich im Nordatlantik münden.
Ich fühle mich klein und unbedeutend, doch ich genieße die Schönheit und sauge das Gefühl von Unendlichkeit in mich auf.

Heimatabend

Es ist bereits später Nachmittag als ich Isafjörður endlich erreiche. Meine Black Pearl scheint eher eine graue Maus zu sein und ich bin aufgeregt wie ein kleines Mädchen am Heilig Abend. Ich kann die “Freikerl“ bereits sehen und brauche nur zwei Minuten mit dem Rad, um einen Teil des Hafenbeckens zu umrunden.

“Setz dich erstmal, trink einen Schluck und atme tief durch.“ Bei Uwe und Anke anzukommen, ist ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Obwohl wir uns nicht kennen, ist die Begrüßung herzlich und die Gesprächsthemen überschlagen sich. Wir verbringen den Abend an Deck, schwelgen in Erinnerungen. Denn auch die beiden Abenteuerlustigen waren auf dem Färöer Inseln und habe sich von der Schönheit verzaubern lassen. Wir bleiben bei der Thematik Traditionen auf der Insel hängen, vor allem die Tradition des Walfangs. Auch ich wurde von Freunden angeschrieben, wie wundervoll die Fotos sind, aber das ich doch mal darüber nachdenken soll, wie grausam diese Menschen sind. Aber sind sie das wirklich? Und hat nicht jede Gesellschaft, jede Kultur “ihre Leichen“ im Keller? Doch ist das ein Grund die Schönheit des Landes und ihre Menschen zu verurteilen? Es ist schön das Erlebte zu teilen und auch über die etwas negativen Aspekte des Reisens zu reden. Und dabei spielt das Teilen eine große Rolle, denn das fehlt mir zunehmend, jemand mit dem ich die Erinnerung teilen, den Tag Revue passieren lassen und mich austauschen kann. Auch Anke und Uwe pflegen regelmäßig ihren Blog, um, ähnliche wie ich, zumindest ein bisschen das Gefühl zu haben, die Dinge mit den Lieben Zuhause zu teilen.

Ein Land vor unserer Zeit

Ich habe wundervoll geschlafen. Die Wellen haben mich in den Schlaf gewogen, ich hatte seit einer gefühlten Ewigkeit mal wieder warme Füße beim Einschlafen und ich habe mich sehr geborgen gefühlt auf der Sitzlandschaft unter Deck. Wir starten mit einer großen Tasse Kaffee und Thüringer Leberwurst in den Tag. Noch einmal ein bisschen mehr Heimatgefühl.

Gegen 10.00 Uhr verabschiede ich mich von Anke und Uwe und starte meine Fahrt nach Bolungarvík, dem diesjährigen Austragungsort der Europameisterschaft im Schlammfußball. Die letzten Jahre war Isafjöður Ort des Geschehens, doch seit das Tunier jährlich am Beliebtheit zunimmt und damit auch die Teilnehmer aus allen Himmelsrichtungen, wollte der Ort nicht länger als Austragungsstätte zur Verfügung stehen. Die neuen Schlammfelder haben nun 17 Kilometer westlich ihr neues Zuhause gefunden. Um dort hin zu gelangen, nutze ich die ehemalige Verbindungsstraße der beiden Orte, die durch den Tunnel abgelöst wurde und heute nur noch von Radfahrern und Wanderern genutzt werden darf. Ein Privileg, denn der Weg liegt direkt an der Küste, unterhalb der Berge. Eine angenehme Stille umgibt mich. Da ist nur der Laut der Vögel, die weit über mir ihre Jungen füttern und ihr Nest beschützen, das Plätschern der vielen kleinen Wasserfälle, die mittlerweile auch vor den kleinen Schutzbrücken, die in bestimmten Abständen die Straße vor herabstürzenden Felsbrocken schützen, halt machen und das leise Rauschen des Meeres, welches sich an diesem windstillen Tag mal mehr, mal weniger an den Felsen bricht oder über Steine und Sand gleitet.

Immer wieder bleibe ich stehen und genieße die Aussicht. Die Luft ist kühl und die schneebedeckten Berggipfel in der Ferne lassen mich vergessen, dass es doch eigentlich Anfang August ist. Ich fühle mich wie auf einer einsamen Insel, gestrandet und das Vulkangestein um mich herum gibt mir das Gefühl, dass die menschliche Zivilisation nicht nur ein paar Kilometer, sondern Jahrhunderte entfernt liegt. Mittlerweile wäre die Straße für Autos nicht mehr befahrbar, denn nach manchen Kurven ist die Straße für einen kurzen Augenblick zu Ende, kleine Schlaglöcher sind mittlerweile gefährlich tief und breit und an einigen Stellen habe ich Probleme meine Black Pearl durch die Felsbrocken zu manövrieren und hoffe, dass in nächster Zeit kein Stein oberhalb der Straße ins rollen kommt.

Ich bin die erste Teilnehmerin die den Zeltplatz, direkt am örtlichen Swimming Pool, erreicht und ich habe dieses Kribbeln im Bauch.